Postgeschichte als eigenartige Erfahrung im Semester, Zweiter Teil des Rückblicks auf das Wintersemester 2024 – Weitergeschrieben im Frühjahr 2026
Postgeschichte als eigenartige Erfahrung im Semester, Zweiter Teil des Rückblicks auf das Wintersemester 2024 – Weitergeschrieben im Frühjahr 2026
Es ist nicht Teil der Erwartung, dass in einem auslandsgermanistischen Studium Postgeschichte behandelt wird. Man denkt, dass das Curriculum mit standardmäßigeren Themen gefüllt sein wird: Sagen wir mit dem Schreiben von Geschäftskorrespondenz. So ist es auch tatsächlich. Die praktische Frage, die sich aus der Verpflichtung des Curriculums ergibt, ist dann nicht mehr so einfach zu beantworten: Wie einen semesterlangen Kurs mit dem Schreiben von Geschäftsbriefen füllen?
Entweder ist man sehr penetrant und spricht andauernd über das Gleiche – und gibt damit trotzdem keine Antwort auf die immer andere Herausforderung in der konkreten Situation – oder man spricht über etwas anderes. Und kommt so etwa zur Postgeschichte.
Postgeschichte ist nicht nur an sich ein interessantes Thema, sondern auch eines, das sich als gar nicht so verschieden zu der eigentlichen Aufgabenstellung herausstellt; auf einer anderen Ebene zum Thema der Geschäftskorrespondenz zurückführt.
1) Postgeschichte als große Geschichte im Kleinen: als Hinweis auf Verknüpfung und gegenseitige Aussage in Geschichte
2) Postgeschichte als Veränderung der Posttextsorten: als Hinweis auf den grundsätzlichen und aktuellen Gegensatz in Posttextsorten
3) Postgeschichte als Lesen alter Texte: als Hinweis auf die Veränderung von Schrift, als Steigerung des Interesses am Text im Rätselcharakter der Entschlüsselung – und im zeitlichen Abstand Voraussetzungen in den Texten erkennen und auflösen zu müssen
4) Das Lesen von Briefe als Beziehung und Verbindung: als Vergleich zu Walter Benjamins Briefsammlung Deutsche Menschen, und spätere Auswahl und Zusammenstellung von Briefen
5) Weiterführung des Schreibens von Briefen: als Vorstellung von Extrabrief
Die Punkte 1 bis 3 wurden als Rückblick auf eine Lehrveranstaltung im Wintersemester 2025 am Germanistikinstitut der Universität Pécs geschrieben. Im Weiterschreiben des Textes 2026 wurde Punkt 2 mit dem verändernden Gleichbleibenden der künstlichen Intelligenz in geschäftlicher Korrespondenz weitergeschrieben. Ebenfalls im Frühjahr 2026 kamen nach der Begegnung mit Benjamins Briefsammlung in einer Vorlesung Arno Dusinis an der Uni Wien die Punkte 4 und 5 zum Text hinzu.
1) Es ist keine große Überraschung, wenn man sagt, dass Elemente in der Geschichte zusammenhängen. Ereignisse der politischen Geschichte hängen mit ökonomischen Entwicklungen usw. zusammen und finden dann auch ihren Ausdruck in Entwicklung und Veränderung des Postwesens. Allgemein behauptet stellt es einen Gemeinpunkt dar, doch im Detail nachvollzogen wird man nicht nur erneut und konkret an Beispielen auf die grundsätzliche Verbindung hingewiesen, sondern man wird auch vor interessante Ergebnisse gestellt.
Wie in der kleinen und privaten Information des Briefes sich wie nebenbei das politische Ereignis ausdrückt; wie über das Essen gesprochen wird und damit die schlechte Ernährungslage während des Ersten Weltkrieges in Wien gemeint wird. Oder allgemeiner: wie die Entwicklung der Postkarte mit dem Deutsch-Französischen Krieg zusammenfällt; wie an den Zahlen der beförderten Poststücke Ausmaß der Globalisierung und die wirtschaftliche Situation nachvollzogen werden kann; oder auch wie mit der Anzahl der täglichen Postzustellungen die Konkurrenz und der Zusammenhang zur Entwicklung anderer Medien gesehen werden kann – zwischen Ersetzen durch die technische Entwicklung und Steigerung der Effizienz durch höhere Geschwindigkeit in der Beförderung.
Die Beschäftigung mit Postgeschichte bietet Ansatz und Beispiel zu entscheidenden Punkten und Brüchen der Geschichte zu kommen. Und das, während man sich scheinbar gar nicht mit diesen Entwicklungen selbst auseinandersetzt, nicht über die großen Jahreszahlen spricht, sondern über Details des Briefverkehrs, wie auch einzelne Inhalte aus Briefen.
2) Behandelt man Postgeschichte, spricht man auch darüber, wie sich die Art Briefe zu schreiben über die Zeit verändert hat; wie sich die Erwartungen an den gelungenen und erfolgreichen Brief verändert haben. Die Art zu schreiben kann nicht nur mit gesellschaftlichen Veränderungen in der Vergangenheit verbunden werden, sondern auch mit der Gegenwart; mit aktuellen Erwartungen an das Schreiben von Briefen/Nachrichten.
Betrachtet man das Beispiel Geschäftsbrief, steht dieser in einem Gegensatz: Einerseits soll er klar Informationen vermitteln, andererseits dazu führen, dass aus den Informationen Handlung wird. Sei es, dass ein Produkt gekauft oder verkauft wird, dass es versandt wird, dass über Produkteigenschaften Auskunft gegeben wird, oder einfach schlicht geantwortet wird. Jeweils mag der Brief erreichen, dass aus Text Handlung wird.
Die beiden Aspekte stellen verschiedene Ansprüche an Sprache und das Formulieren eines Textes. Auf der einen Seite erfordert der Informations-Aspekt eine möglichst schlichte und ungestörte Angabe. Seine Tendenz ist die Aufzählung oder die Tabelle, ohne weitere Ergänzung, also eine Reduktion von Sprache, bei der Sätze oder andere ausführliche sprachliche Konstruktionen als Ablenkung und unnötig angesehen werden. Schlicht die Information soll angegeben werden ohne Zusatz und Wegführung.
Dass Information zu Handlung wird, ist auf der anderen Seite nicht nur grundsätzlich mehr Sprache notwendig – Handlung drückt sich in Verben aus und wird von Subjekten durchgeführt, wird also in Sätzen formuliert – vielmehr muss das Gegenüber überzeugt werden, dass es auch wirklich handelt. Argumente zeigen die Vorteilhaftigkeit, gleichzeitig wird mit rhetorischen und sprachlichen Tricks gearbeitet. Also Logik und Höflichkeit kommt zur Anwendung. Im Aspekt der Handlung wird sich über das Mindestmaß der Information hinausgehend an Sprache bedient.
In der Gleichzeitigkeit der beiden Aspekte steht der Geschäftsbrief in einem Widerspruch die Sprache betreffend. Denn einerseits ist die Ausführlichkeit der Höflichkeit erforderlich, die aber der Schlichtheit hin zur Information entgegen und im Weg steht. Um den kommunikativen Erfolg erreichen zu können, ist es erforderlich beide Seiten gleichzeitig zu bedienen.
Dieses Wechselspiel kann mit dem barocken Brief beginnend, mit seinen ausgeprägten Formen der Höflichkeit und somit Ablenkungen von der Information, nachvollzogen werden. Über Veränderungen in technischen Erneuerungen (Schreibmaschine, Computer) hin zum professionellen Büro, bis hin zur digitalen Datenmaske, die nur noch die Information zur automatischen Verarbeitung kennt. Die Geschichte des Geschäftsbriefs scheint ein Abbau der Höflichkeitsfunktion zu Gunsten der Informationsfunktion zu sein. Er formalisiert sich in geordneter Aneinanderreihung schlichter Informationen.
In dem Ausdruck der Höflichkeit vergangener Geschäftsbriefformen stecken allerdings bereits Formeln. Für den barocken und auch den klassischen Geschäftsbrief kann in Anleitungen nachgeschaut werden, welche Formulierung in welcher Situation verwendet werden soll. Es kommt zu einer wiederholten Verwendung feststehender Konstruktionen. Das Schreiben des Briefes wird zu einer Art Ausfüllen eines Formulars, in das jeweils nur noch die besonderen Informationen eingefüllt werden. In dieser Versteinerung ist der klassische Brief bereits mit der Datenmaske vergleichbar, auch darin, dass die Höflichkeitskonstruktionen in der Wiederholung ihren Höflichkeitsausdruck verlieren. Auf der anderen Seite geben die feststehenden Formulierungen Sicherheit im Formulieren – man weiß, wie man in welcher Situation sprachlich zu handeln hat. Das, was als Verhinderung der Information und reines Beiwerk der Höflichkeit erschien, enthält sein Gegenteil, ermöglicht und unterstützt wie die digitale Datenbank Informationsweitergabe.
Geht in der Zeit das Ausmaß der Höflichkeit zurück, also die Menge der feststehenden Konstruktionen, wird das Formulieren des Briefes auf der anderen Seite nicht nur informationslastiger, sondern auch schwieriger: Es gibt kein feststehendes Hilfswerk mehr wie das Gegenüber formalisiert zur Handlung überzeugt werden kann. Denn die Handlungsfunktion ist auch im Zeitalter der digitalen Datenmasken weiter eine Erforderlichkeit. Nicht nur neben den beschränkten Möglichkeiten der Maske, sondern diese unmittelbar begleitend, muss frei formuliert werden. Nicht nur nicht von der Maske erfasste Informationen müssen hinzugefügt werden, sondern in erster Linie muss der Handlungsaspekt, die höfliche Überzeugung, mit eigener Sprache verfolgt werden.
Den historischen Prozess betrachtend ist die Formalisierung zur Information gleichzeitig Entformalisierung der Hilfskonstruktionen der Höflichkeit. Denn die schlichte Ansammlung an Information wird nur in den vereinheitlichsten Problemen Handlung auslösen können und so die kommunikative Aufgabe geschäftlicher Kommunikation erfüllen können. Die Form des Geschäftsbriefs erreicht keine vollständige Auflösung in Information und somit ihr eigenes Ende. In der historischen Veränderung bleibt auch in der Gegenwart der Grundgegensatz zwischen Information und Überzeugung zur Handlung erhalten.
Der Blick auf die gleichbleibende Veränderung der Geschichte lässt vielleicht auch aktuelle Tendenzen besser verstehen, denn neben der gesteigerten Effizienz in der digitalen Informationsverarbeitung, gibt es mit der künstlichen Intelligenz eine Form, die den Aspekt der Handlung verändert. In selbstständiger Effizienz werden Texte erstellt, die wie perfekt an die Situation angepasst sind und so in individueller Form zum Handeln überzeugen. Die KI scheint eine doppelte Verbesserung zu bringen: Einerseits muss sich nicht mit dem Formulieren beschäftigt werden, andererseits entsteht ein nicht formalisierter und an die jeweilige Situation angepasster Text. Einsparen von Zeit, Gedanken und Aufwand scheint ohne Kosten und Nachteile einherzukommen.
Gleichzeitig verändert KI das Lesen, denn warum sollte in der Suche nach Informationen der Maschinentext nicht auch von der Maschine gelesen werden. Das was als Beiwerk der Höflichkeit zur Handlungsaufforderung erschien, findet keinen Leser, hat niemanden zu überzeugen, und entpuppt sich schlicht als Teil der Übermittlung von Informationen. Um zur Handlung aufzurufen und zu dieser zu überzeugen, muss hingegen weiter ein solches Lesen angesprochen werden, das nicht durch ein künstliches Lesen ersetzt ist, denn die Entscheidung ob das Geschäft gemacht wird oder nicht, ist eine jenseits der Maschine. Die Selbstständigkeit und Not zur Überlegung der sprachlichen Gestaltung geht auch im nächsten Schritt der Formalisierung der Kommunikation nicht verloren – der Gegensatz zwischen Information und Handlung bleibt auch in der KI-Welt erhalten. In diesem Verhältnis kann erwartet werden, dass die Ausführlichkeit der KI bald als unnötiger Aufwand verschwindet, sich in Maschinenkommunikation auf das für die Informationsweitergabe benötigte Minimum reduziert.
Dass sich historisch und jetzt diese beiden Funktionen im Geschäftsbrief finden, kündigt eine Schwierigkeit des (Sprach-)Unterrichts des Geschäftsbrief an. Wenn es keine feststehenden Formen gibt, gibt es auch kaum Einschränkungen, an denen der Sprachunterricht ansetzen könnte. Bausteine oder Redewendungen zu vermitteln, führt zu einer alten, schlechten und wenig effizienten Form des Geschäftsbriefs; was kaum als Ziel ausgemacht werden kann – genauso wenig wie eine Aufgabe des selbstständigen Formulierens in reiner Informationsübermittlung. Für eine entsprechende Thematisierung – somit ein Unterricht unbestimmter sprachlicher Formen – könnte der Umweg über die Entwicklung der Formen in der Vergangenheit Methode sein. Der Nachvollzug der standardisierten Formulierungen der Vergangenheit hin zur aktuellen Ausprägung des Gegensatzes im Digitalen, könnte didaktischer Trick in der Not zur Selbstständigkeit sein.
3) Ein weiterer pädagogischer Effekt des Alten kann damit ausgenutzt werden, indem alte Sachen meist einfach durch ihre Verschiedenheit interessanter sind, im Gegensatz zu den scheinbar bekannten Sachen der Gegenwart. Im Fall des Briefes fängt das mit der Schrift an: Es muss ein Aufwand gesetzt werden, um den Brief zu entschlüsseln, womit sich auf allen Ebenen genauer mit ihm auseinandergesetzt wird. Es ist nicht nur Aufwand, sondern das Entschlüsseln alter Texte hat (wohl bis zu einer bestimmten Grenze der Unlesbarkeit) einen spielerischen Charakter, den eines Rätsels. Die Beschäftigung wird nicht nur genauer, sondern auch leichter.
Nebenbei gesagt: Die Bekanntschaft mit alten Schriften ist auch Wert an sich, selbst im Bereich der Auslandsgermanistik, der durch eine Einschränkung der behandelten Themen gekennzeichnet ist. Aber es wird nicht von Schaden sein, Schriften einmal gesehen zu haben, die in dem Gebiet, mit dem man sich beschäftigt, über einen langen Zeitraum verwendet wurden.
Inhaltlich werden in alten Briefen ebenfalls mehr Sachen unbekannt sein als in aktuellen. Worauf angespielt wird, was vorausgesetzt wird, ist schwieriger aufzulösen. Damit wird eine allgemeine Eigenschaft von Briefen deutlich, die in aktuellen persönlichen Nachrichten leicht zu verschwinden droht. Zeitgenössisch verschieben sich Voraussetzungen entweder vollständig ins Private und somit Unauflösbare und Unverständliche oder sie sind im allgemeinen aktuellen Wissen enthalten, also bekannt. Jeweils verschwindet die Eigenschaft des Nichtwissens, bzw. der Voraussetzungshaftigkeit im Erwarteten, womit sie nicht als allgemeine Eigenschaft des Briefes sichtbar wird. Das eindeutige Nichtwissen der Vergangenheit fordert allerdings Auflösung ein.
Damit ist man auch den Inhalt betreffend beim Spielerischen des Rätsels. Information über die Vergangenheit wird nicht direkt als solche vermittelt und gelernt, sondern über den Umweg einer Anspielung. Diese muss aufgelöst werden, wozu nachgeschaut und recherchiert werden muss, man selbst aktiv werden muss. In der Tätigkeit wird das Detail aus dem Brief mit größerer historischer Entwicklung verbunden – womit man zum ersten Punkt des Textes zurückgekommen wäre, der verbindenden Eigenschaft des Blicks in die Postgeschichte.
Im Brief aus dem Jahr 1916 steht etwa, dass der Mann von dem Ereignis entsetzt war, als er es in der Morgenzeitung las. Um welches Ereignis es sich handelt, wird und muss nicht gesagt werden: Jedem in der Zeit wird es klar gewesen sein, dem, der den Brief bekam, auf jeden Fall. Aus dem Abstand der Zeit muss das Wissen zurückrecherchiert werden, die Ereignisse des Tages nachgelesen werden. Damit wird der kleine Brief mit dem Attentat auf Ministerpräsidenten Stürgkh verbunden und die Eigenschaft der Voraussetzungshaftigkeit des Briefes deutlich gemacht.
Das, was nur als Ablenkung und Nebensächliches (Postgeschichte) erscheint, stellt sich als zentral mit dem Gegenstand (Geschäftskommunikation – Auslandsgermanistik) verbunden heraus. Mehr sogar, durch den Umweg kommt es nicht nur zu einer genaueren (und abstrakteren und pädagogisch besseren) Aussage über den Geschäftsbriefes, sondern zu einer Hinzufügung zum schlichten Thema ‚Briefe-Schreiben‘, alleine wenn man die Aspekte betrachtet, die wie automatisch sich mit der Vermittlung von Geschichte verbinden. Man könnte meinen, dass sich die Beschäftigung mit Postgeschichte sogar im auslandsgermanistischen Kontext lohnt.
4) Vergleich: Walter Benjamins Briefsammlung Deutsche Menschen als Lesen der Verbindung
Dass eine Eigenschaft von Briefen Verbindung, mit einem anderen Wort Beziehung, ist, liegt offen. Der Briefschreiber schreibt seine Nachricht, um einem Kommunikationspartner etwas mitzuteilen, um mittels des Textes mit diesem in eine Beziehung zu treten. Auch im Lesen kommt es zum Erstellen von Verbindungen, denn die Informationen aus dem Brief werden mit dem eigenen Leben und dem Briefschreiber verknüpft. Der Brief ist wie das Nachmachen des Gesprächs in der Schrift.
Verbindung als Eigenschaft findet sich aber nicht nur auf der ersten, sozusagen originalen Ebene des Briefschreibens, sondern, wie bereits gesehen, besteht in seiner privaten Form mit den Anspielungen und Voraussetzungen eine Art des Nichtwissens, die im späteren Lesen besonders auffällt und auffordert aufgelöst zu werden. Aus der unmittelbaren Form der Verbindung im Privaten entsteht eine vermittelte Form der Verbindung im Allgemeinen, und zwar gerade aus dem Verlust und dem nicht Funktionieren der privaten ursprünglichen Funktion. Das zeitlich und persönlich losgelöste Lesen eines Briefes macht Dechiffrieren (nach Barthes/Dusini 2. Ebene des Hörens/Lesens) notwendig und fordert in der Unmöglichkeit der internen Entschlüsselung das Herstellen von Beziehungen (3. Ebene des Hörens/Lesens) ein: Beziehungen, um die nicht gegebenen Voraussetzungen des Privaten aufzulösen, oder allgemeiner gesprochen, um eine aus zeitlichem Abstand entstandene Unverständlichkeit aufzulösen – im Verstehen Vergangenheit mit Gegenwart zu verbinden. Dieses Verbinden kann als faktisches Verstehen zur Auflösung der Voraussetzungen führen, bedeutet aber mehr als der direkte Inhalt des Briefes, als der Inhalt der privaten Kommunikation. Im Fall der Geschäftskommunikation-Lehrveranstaltung entsteht aus dem verbindenden Lesen eine pädagogische Absicht, die den Brief als Zeichen und Ausgangspunkt sieht zu einer speziellen Art der Beschäftigung mit historischen Entwicklungen und Geschichte allgemein.
Dieses Muster der mehrfachen Verbindungen findet sich mit viel größerer Wichtigkeit und Bedeutung bei Benjamins Briefsammlung Deutsche Menschen wieder. Das Ziel aus Entschlüsselung und Verbindung ist nichts geringeres als Mittel im Kampf gegen den deutschen Faschismus zu sein, bzw. eine Philosophie aus dem Einzelnen sich formulieren zu lassen, also keine, die über Gegenstände sprechen muss, sondern sozusagen immanent ist. („Seine eigene Philosophie nicht sowohl zu schreiben als womöglich deutungslos aus Materialien zu montieren, die selber reden.“ [Adorno: Nachwort: 92.]) Der Anspruch ist viel größer und ernster.
Es geht nicht darum nachvollziehbar zu machen, was die verschiedensten Briefschreiber aus der Vergangenheit sich mitteilen (in erster Linie wird sich über Todesfälle, bzw. das bevorstehe Ableben informiert, oder die Mühe des Briefschreibens). Denn diese direkte Information kann nicht verständlich sein: Einerseits weil in der privaten Voraussetzungshaftigkeit ein Rest von Unverständlichkeit bleiben muss, andererseits weil durch die Auswahl jeweils nur einen Briefes gar nicht der Anspruch bestehen kann, einen inhaltlichen Austausch nachvollziehbar zu machen. Es bleibt bei einzelnen Briefen, die isoliert etwas anderes sagen, als das, was die Personen damals einander mit den Nachrichten mitteilten.
Dass halbwegs ein Verständnis sich einstellen kann und das Herstellen von Beziehungen ausgelöst wird, schreibt Benjamin zu den Briefen Kommentare. Hilfsmittel, die im Verstehen (Einordnung in einen Kontext), im Erstellen von Verbindungen (auch zwischen Vergangenheit und Gegenwart), aber auch im Erkennen von besonderen sprachlichen Eigenschaften der Briefe helfen sollen. Das Kommentar ist dabei eine Form, die das Sprechen über den Gegenstand reduziert, sondern auf Punkte des Gegenstands zeigt, diesen quasi aus sich selbst verständlich machen mag. In dieser besonderen Eigenschaft ist es die entsprechende Form des Erklärens zum verbindenden Lesen der Briefe.
Im von Person und Zeit losgelösten Lesen von Briefen wird ihre Auswahl, Zusammenstellung und erneute Zugänglichmachung relevant. Mag man etwas mit den Briefen zeigen, ist wichtig, welche Briefe man auswählt. Benjamin wählt Briefe von deutschen Intellektuellen des 19. Jahrhunderts aus, in denen sie aber nicht in erster Linie Gedanken und Inhalte zu ihren Werken formulieren, sondern sich zu mehr persönlichen Themen austauschen. Nicht die Berühmtheit der Personen oder die Wichtigkeit der formulierten Gedanken steht im Vordergrund, sondern ein alltäglicher persönlicher Austausch, wie er auch von durchschnittlichen Leuten geschrieben werden könnte. Angesichts des fehlenden großen Inhalts rückt nicht nur die Form des Briefes in die Aufmerksamkeit, sondern gerade die Kleinheit, die Nüchternheit, das nicht in die Vorstellung passende, die Aufmerksamkeit fürs Menschliche, für alltägliche Probleme, für Austausch. Verstanden wird die Art wie sich über das Nebensächliche zum Großen ausgetauscht wird als etwas, das bürgerliche Intellektualität ausmacht und somit eine Intellektualität, die einen historischen Zeitpunkt ausdrückt, zu dem es noch schien, dass Deutschland sich in eine andere Richtung entwickeln kann als in den Faschismus. Im Sprechen über das Kleine entwickelt sich nichts geringeres als die Beziehung und der Ausdruck von Humanismus und somit ein politisches Programm gegen die nationalsozialistische Gegenwart. Die Briefsammlung mag direkt gegen den Nationalsozialismus wirken, bzw. zumindest für eine Zukunft das bewahren mag, was einmal als gegen den Nationalsozialismus laufendes bestand, dass die nationalsozialistische Gegenwart die Vergangenheit nicht komplett löschen kann.
Wie Benjamin konkret zu seinen Briefen kam und sie auswählte, ist ein literaturwissenschaftliches Problem, kann und muss hier nicht weiter behandelt werden. Über die Auswahl für die Lehrveranstaltung kann Auskunft gegeben werden: Für sie wurden die Briefe von der Internetseite der Wien-Bibliothek im Rathaus genommen, wo digitalisierte und transkribierte Sammlungen von Briefen und Ansichtskarten zur Verfügung stehen. Und zwar aufgeteilt in verschiedene Epochen, so dass etwa Nachrichten aus dem Ersten Weltkrieg gewählt werden können, mit denen dann aus dem Kleinen auf die historischen Entwicklungen gezeigt werden kann.
5) Extrabrief als analoges digitales Schreiben von Briefen jetzt
Der Brief ist zu einer anachronistischen Form geworden. Alles, was in ihm geschrieben werden kann, scheint durch andere Möglichkeiten besser erledigt werden zu können. Problemlos können abwesende Personen angerufen werden oder über das Internet mit seinen verschiedenen Plattformen nicht nur Text-Nachrichten verschickt werden. Die Verzögerung durch den Transport des Briefes und die daraus entstehenden kommunikativen Schwierigkeiten und Unsicherheiten sind in eine Unmittelbarkeit weggefallen. Das Schreiben von Briefen ist überholt und unnötig geworden. Könnte man sagen.
Wäre die Langsamkeit, nicht im Transport, sondern im Schreiben nicht auch selbst Eigenschaft: formulieren, überlegen, festschreiben, mit der Hand schreiben. Das, was als Fehler und Nachteil des Briefes ausgemacht wird, wird zur positiven Eigenschaft, dass behauptet werden kann, dass im Brief mehr und anderes geschrieben werden kann als in den digitalen Ersatzformen.
Extrabrief mag eine Verbindung der analogen und digitalen Möglichkeiten herstellen: Traditionell Briefe schreiben (auf Papier), diese digital machen und über das Internet versenden. Dass es nicht zu einer einfachen Übertragung ins Digitale kommt, muss bei der Digitalisierung auf den Anschein, das Vorspielen, des Traditionellen geachtet werden. Nicht nur muss der Brief den (wahrscheinlich bereits vollständig aufgeweichten und an die digitale Kommunikation angepassten) Gepflogenheiten seiner Form entsprechend geschrieben werden, sondern anschließend das beschriebene Briefpapier in ein Kuvert gesteckt werden, dieses mit einer Adresse beschriftet werden, mit einer Briefmarke versehen werden – die als Porto die Größe der Datei in Bite angibt. Auf der ersten Seite der versendeten Datei ist das Kuvert von außen abgebildet, dann das Kuvert geöffnet mit dem halb herausgezogenen Brief im Hintergrund, schließlich erst der Text (als Bild) selbst, der bei Bedarf mit Anhängen oder derartigem ergänzt sein kann.
Extrabrief inszeniert die traditionelle Form, mit ihren anderen kommunikativen Versprechungen, im Digitalen, überträgt die traditionelle Ausstattung in digitale Abbildung. Damit versteht Extrabrief sich als Aufforderung, auch im scheinbaren Ende des Briefes weiter zumindest auf eine Art Briefe zu schreiben.
Quellenangabe: Wenn man genaueres zur Postgeschichte oder Entwicklungen von Brief-Textsorten wissen mag, ist das Handbuch Brief guter Ausgangspunkt. Matthews-Schlinzig, Marie Isabel; Schuster, Jörg; Steinbrink, Gesa; Strobel, Jochen [Hg.]: Handbuch Brief: Von der Frühen Neuzeit Bis Zur Gegenwart: Berlin/Boston, 2020.
Walter Benjamin (Detlev Holz): Deutsche Menschen, Eine Folge von Briefen: 2024 [1936], Frankfurt/Main.

Kommentare
Kommentar veröffentlichen