4 Semester, Buchstaben neben Vorlesungen

 

Was der Schmettering meint, eine Handreichung zu

4 Semester, Buchstaben neben Vorlesungen


Benedikt Roland begann vor vier Semestern zu arbeiten (Wintersemester 2020). Benedikt Roland begann vor vier Semestern im Ausland, in Ungarn, an einer Universität, als Lektor zu arbeiten. Jedem Semester ist eine Wand des Ausstellungsraumes zugeordnet, was durch die Ziffern [1-4] angezeigt ist. Jede Wand zeigt ein im jeweiligen Semester entstandenes Objekt (1 oder 2). Die Verbindung der Objekte ist ihr Entstehungsort, Zeit, der Beruf Benedikt Rolands. Die Ausstellung ist eine biographische Ausstellung.



Aus sich sind die Objekte durch die Verwendung von Buchstaben verbunden. In jedem Objekt finden sich auf die eine oder andere Form Buchstaben. Anhand der Rolle der Buchstaben sollen die Objekte vorgestellt werden:


1: Magyar Nemzet (Wintersemester, 2020)

Eine Ausgabe (27.10.2020) der ungarischen Tageszeitung Magyar Nemzet (20 Seiten). 16 Seiten sind ohne Buchstaben und Bilder; Layout und Zeilenspiegel sind mit Bleistiftlinien übernommen. 4 Seiten sind originale Zeitungsseiten. Verbunden sind die 10 Blätter durch gestickten Text (schwarzer Zwirn). Der Text ist der Anfang von Szilárd Demeters Sor(o)s, der am 28.11.2020 auf der Internetseite origo.hu erschien.

Eine ‚inhaltsleere’ ungarische regierungstreue Tageszeitung wird in ihrem austauschbaren Inhalt durch einen Text zusammengehalten, der bleibende und zentrale Positionen von Fidesz formuliert. Der Text verbindet die Politik; die Buchstaben verbinden die Zeitung – als Faden ganz konkret.

(https://schmettering.blogspot.com/2021/01/magyar-nemzet-technische-beschreibung.html)


2.1: Le Cinéma Autrich de l‘est, 1 (Sommersemester, 2021)

Ein Filmmagazin aus 22 zusammengeklebten A4 Seiten. Seine Artikel versammeln Texte zu dem Film Der Wiener Würger, den der Kochverein produziert. Die Artikel sind mit schwarzem Stift illustriert. Die Bilder zeigen Objekte, die sich durch unterschiedliche Schraffierung unterscheiden. Die Bilder legen sich über den Text, streichen diesen durch.

(download)


2.2: Fuchs ans an Fuchs zwo (Sommersemester, 2021)

Ein Comic in 182 Bildern, in 182 Seiten, in 182 Sätzen (A4, geklebt). Inhalt des Comics ist die Verhaftung zweier Verbrecher durch die Polizei. Die Verhaftung ist ein Ausschnitt aus dem Universum des Filmes Wiener Würger. Darstellungsweise der Bilder sind Umrissformen der abgebildeten Figuren. An den unteren Seitenrand sind Aussagen der Figuren geschrieben: jeweils mit schwarzem Stift.

Es handelt sich um einen mangelhaften Comic: sowohl die Bilder als auch das Bild-Text Verhältnis betreffend. Keine Sprechblasen, keine bunten Figuren – nur Rahmen und Buchstaben.

(download)


3: Le Cinéma Autrich de l‘est, 2 (Wintersemester, 2021)

Die Fortsetzung, die zweite Nummer des Filmmagazins, in 24 zusammengeklebten A4 Seiten. Die Artikel beschäftigen sich mit dem gleichen Gegenstand (dem Film der Wiener Würger). Die Illustrationen unterscheiden sich darin, dass die dargestellten Objekte als Umrisse angegeben werden. Die Umrisse setzen sich in zwei Achsen als Raster über das Blatt fort, womit sich die verschiedenen Formen überlagern. Formen werden unterschieden (durch Strich) und eingeordnet (durch die Wiederholung im Raster).

(download)


Verbindung der Objekte aus den Semestern 2 und 3 ist nicht nur der Inhalt (Der Wiener Würger), sondern wie Bild zu Text steht, wie Formen in einem Bild unterscheidbar sind. Einerseits: Wie kann ein Bild entstehen (hier Schraffierung, Umriss); also Abstraktion als Darstellung der Voraussetzung zu Darstellung. Andererseits: Das Verhältnis von Bild und Text entspricht nicht dem in einem Magazin erwarteten. Die Bilder wiederholen und unterstützen nicht sanft und bunt den Text. Sie streichen ihn durch – machen ihn mehr oder weniger unlesbar.

Trotz den Brüchen (Abstraktion, Erwartung an die Textsorte) werden die Magazine (das Comic) als Magazin (Comic) erkannt; trotz der formlosen Striche werden konkrete Ereignisse (Gegenstände) dargestellt. Form und Textsorten-Erwartung werden gleichzeitig vollzogen und verstoßen. Indem ein Magazin gemacht wird, werden seine Formen (die der Medien) kritisiert. Indem Objekte dargestellt werden, wird bildliche Darstellung kritisiert. Geblätterte Medienkritik; konkrete Abstraktion, die erlaubt, dass ein Polizist durch das Bild geht – nicht leere Leinwand ist, nicht die radikale (bereits erledigte) Form der Abstraktion ist.


4: Buchstabenbuch (Sommersemester, 2022)

Drei Bücher aus Buchstaben (jeweils 9x9 cm). Das ‚aus’ muss wörtlich verstanden werden. Buchstabenbücher bestehen nur aus Buchstaben (und Zwirn und Umschlag incl. Gaze): Eine Seite ist ein Buchstabe, eine Seite hat die Form eines Buchstabens. Buchstabenbücher sind nicht gedruckt, sondern zugeschnitten. Folge ist, dass beim Lesen nur ein Buchstabe gleichzeitig gesehen werden kann (dann umgeblättert werden muss). Folge ist, dass ‚praktischerweise‘ nur kurze Texte in Buchstabenbüchern verkörpert werden können.

Buchstabenbücher treffen und brechen die Erwartung an ein Buch. Darin thematisieren sie die Voraussetzungen, die im Normalfall verschwinden, aber ein Buch möglich machen: Seite, Buchstabe. In Büchern werden Seiten angegriffen, sich aber nicht weiter für sie interessiert. Bei Buchstaben ist es umgekehrt: Als minimale Tintenmenge sind sie materiallos, ergeben aber in Schrift den Inhalt, für den man sich interessiert. Im Buchstabenbuch verschmilzt Seite und Buchstabe. Der Buchstabe wird angegriffen, wird Material. In Materialität drapieren sich die Buchstabenbücher zu lesbaren Skulpturen. (Verbindung von Abstraktion und Konkretion)

Die Texte der Buchstabenbücher sind:

No1. Pinguin: Der Pinguin ist tot. K. sieht die anderen Pinguine, fragt sie, warum sie leben und der nicht. Der Wärter bringt den Fisch. Die Pinguine laufen weg. Es war Gift im Fisch. (132 Seiten)

No2. Geldbörsl: Das Geldbörsl war weg. Aber allein war er im Zimmer. K. fragt den Kasten. Da ist sein Börserl auch weg. Die Tasche hat ein Loch, die zweite Tür des Kastens freuts. (126 Seiten)

No3. Ententeich: Ein Totgeprügelter neben dem Teich. K. fragt die Enten. Kommt ein betrunkener alter Mann und sagt, ich wars. Klick Klick. Der Richter sagt, er wars nicht. K. fragt, wer wars dann. (138 Seiten)

(https://schmettering.blogspot.com/2022/03/analoges-twitter-oder-uber-das.html)



Die Ausstellung ist eine biographische Ausstellung. Die Ausstellung ist eine Ausstellung über Buchstaben, wobei die Buchstaben und ihre Verhältnisse in enger Verbindung zu Abstraktion stehen. Biographie füllt von außen Handlungen, Produkten (in diesem Fall künstlerischen Objekten) Bedeutung ein. Mit der Biographie wird erklärt, warum ein Gedicht so geschrieben ist. Abstraktion entleert von innen Handlungen, Produkte (in diesem Fall künstlerische Objekte). Abstraktion hinterlässt leere Zeilen, Figuren, Seiten, die nur trotzdem voll Ausdruck sind: Über die Bedingung Formen zu unterscheiden, über die Formen (der Inhalt – der durch das Bild gehende Polizist), über bestimmte Erfahrung. Biographie und Buchstabe eben.




Mehr Informationen: www.kochverein.at; @BSchmetter (twitter); benedikt_roland[at]hotmail.com

Benedikt ROLAND


25.8.2022 @ A Baranca-Gallery, Vorgartenstraße 203, 14

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Zoltán Danyis Rosenroman ist kein Buch über Rosen

Begründung der Verleihung des ‚ersten Filmpreises‘ an Heidi Vágyi für Platón

Schreibmaschinen-Literatur