Ein Stadtvergleich – Miskolc und Komló
Ein Stadtvergleich – Miskolc und Komló
Die beiden Städte haben sicher einiges gemeinsam: von radikalem Bevölkerungsrückgang zu großer Industriegeschichte. Die große Verbindung, die mit den weiteren Gemeinsamkeiten zusammenhängt, ist aber die Lage der beiden Städte.
Beide Städte befinden sich nämlich an Orten, die man nicht gerade als geeignet für größere Städte bezeichnen müsste. Sie befinden sich in der topographischen Einschränkung von relativ engen Tälern. Die für die städtische Verbauung zur Verfügung stehende Fläche ist beschränkt, bzw. mit Nachteilen und Schwierigkeiten verbunden. Aber offensichtlich gibt es für beide Städte Gründe, die dafür sprechen, dass sie genau an diesem Ort entstanden, der schlechte Ort der einzig mögliche, der gute Ort ist.
Komló war eine Bergwerkstadt, die sich aus einem Dorf zu einer mittelgroßen Stadt entwickelte: um 1900 2000 Einwohner, 1940 5000, dass die Bevölkerungszahl 1960 die 20.000 überschritt und in den 80er Jahren ihren Höhepunkt erreichte mit mehr als 30.000 Einwohnern (inzwischen ist die Zahl wieder unter 20.000 gefallen). Für Miskolc ergibt sich ein ähnliches Bild: von um die 60.000 Einwohnern um 1900, überschritt die Stadt die 100.000 in den 40er Jahren, nur dass bis zu den 80er Jahren eine weitere Verdopplung erreicht wurde – der Höhepunkt der Bevölkerungszahl lag bei über 200.000 (inzwischen ist die Zahl wieder unter 150.000 gesunken). Hintergrund des Wachstums von Miskolc war die Schwerindustrie: In der Stadt befand sich ein Stahlwerk und eine Maschinen- bzw. Waffenfabrik.
Auf Grund des großen Bevölkerungswachstums kann man bei beiden Städten von Planstädten sprechen. Innerhalb kurzer Zeit musste für den Zuwachs an Einwohnern das Bestehende umgeplant werden und radikal ausgebaut werden. Mit dem Ergebnis, dass das Alte kaum noch sichtbar ist, dass in der Veränderung quasi eine neue Stadt entstand. In Komló gibt es quasi keine Gebäude aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg. In Miskolc ist die Innenstadt älter, wobei diese auch eher zum Schein bestehen blieb: Schon in der zweiten Reihe hinter der alten Hauptstraße (der Fassade) beginnt die neue Verbauung und neue Organisation der Stadt. Die Innenstadt, wie weitere alte Elemente, stehen wie Inseln in der neuen Stadt, besonders die Kirchen (die man wohl schwer abreisen konnte) erscheinen in der neuen Organisation wie Fremdkörper. Das Alte hätte aber nie die neuen Menschenmengen aufnehmen können, zu Stadterweiterung hätte es auf jeden Fall kommen müssen, Neubaugebiete hätten entstehen müssen – egal ob auf freier Fläche oder alte Verbauung ersetzend. Man kann sagen, dass in der Nachkriegszeit die beiden Orte entstanden. Ihr aktuelles Erscheinungsbild und ihre Struktur haben nichts mit der Stadt gemeinsam, die sie in der Vorkriegszeit ausmachten. Damit stellen die beiden Orte ein ganz anderes Stadtentwicklungsmodell dar, als es etwa für Sopron zutrifft (Vgl. Schmettering: 3.10: https://schmettering.blogspot.com/2024/10/sopron-eine-geschichte-von-veranderung.html).
Das rapide Wachstum und die Art Neugründung bedeuten eine Entscheidung. Nicht wegen der zuvor bestehenden Stadt entwickelt sich der Ort an dieser Stelle, sondern andere Gründe müssen die Wahl des Ortes notwendig gemacht haben. Und zwar die Wahl eines Ortes, der vielleicht für die kleinere Größenordnung zuvor ausreichend gewesen ist, für die größere Ausdehnung der neuen Stadt allerdings Beschränkung, Nachteile bzw. Schwierigkeiten bedeutet. Trotz der neuen Entscheidung überwiegten die Gründe, die für den Ort sprachen.
Um welche Einschränkungen handelt es sich? Die grundlegende Einschränkung ist, dass eine Fläche mit Bedingungen zur Verfügung steht. Ist das Tal als ebene Fläche ausgefüllt, muss auf den Berg, bzw. über diesen hinüber die Verbauung fortgesetzt werden. Steigungen müssen überwunden werden, unebene Bauflächen müssen bewältigt werden, das Ergebnis ist eine durch Gelände zerteilte Stadt. Die Hauptrichtung der Verbauung bleibt allerdings im Tal, woraus sich eine längliche Ausrichtung auf einer Achse ergibt, so als ob es sich um eine Bandstadt handeln würde. Die Ausrichtung hat zur Folge, dass weite Distanzen innerhalb der Stadt überbrückt werden müssen. Auf der anderen Seite ermöglicht die Eindimensionalität die Verbindung der auf der einen Achse versammelten wichtigen Punkte der Stadt durch ein leistungsstarkes Verkehrsmittel. Es überrascht nicht, dass in Miskolc weiter eine Straßenbahn besteht, da sie in der Konzentration der Verkehrsströme die Rolle des zentralen Verkehrsmittels besser als etwa Busse übernehmen kann. Vielleicht größtes Problem ist aber, dass in der Begrenztheit des Raumes verschiedene und einander entgegenstehende Nutzungen auf engem Raum sich zusammendrängen. Industrielle Nutzung und Wohnen liegen in unmittelbarer Nachbarschaft. In der Abgeschlossenheit des Tales muss das zu erheblichen Auswirkungen auf die Lebensqualität geführt haben: Die Abgase der Fabriken, die sich zusätzlich im Tal stauen, der Lärm, der Schmutz, der Verkehr, der auch durch die Wohnteile der Stadt durchführt, und weitere Formen der Umweltverschmutzung, etwa des Flusses, der sich mit den Abwässern der Fabriken ebenfalls durch die Stadt zieht.
Diese Einschränkungen sind in unterschiedlicher Größenordnung für beide Städte zutreffend. In Komló wird nicht nur die Verarbeitung und Verladung der Kohle mitten in der Stadt, sondern auch das Kraftwerk, das die nahe Kohle verheizte, zu den genannten Problemen geführt haben. Das Zentrum des Ortes machte Bahnhof, Kraftwerk, Verladestelle der Kohle aus. Auch in Miskolc verdrängen die neuen wichtigen Objekte das traditionelle Zentrum: Die eine Hälfte des Tales ist durch Wohnbauten und den mit ihnen zusammenhängenden Versorgungsbauten gefüllt, während die andere Seite mit den Fabriken gefüllt ist. Fabrik und Wohnhäuser ziehen sich in unmittelbarer Nähe nebeneinander durch das Tal. Im Band kann man kaum mehr von einem Zentrum sprechen, aber sicher ist, dass die industrielle Verwendung – und so die Probleme – mehr ins Zentrum rückt. Es kann sich nicht um Orte mit hoher Lebensqualität gehandelt haben.
Die beiden Städte sind also um industrielle Objekte herum gebaut, die offensichtlich zur Auswahl der Orte führten und die nachteiligen Elemente überstimmten, bzw. zu vernachlässigbaren Punkten machten. Es verwundert – auch aus Perspektive der Industrie –, dass die Fabriken in Miskolc nicht in die andere Richtung gebaut wurden – Richtung Süden, wo die große ungarische Tiefebene beginnt und mehr oder weniger bis zur serbischen Grenze Flachland zur Verfügung stehen würde. Oder im Fall von Komló der Weg nach Pécs, das weniger als eine halbe Stunde entfernt liegt, für die Bergarbeiter nicht als Wohnort in Frage kam, wo mehr Platz auf freierer Fläche vorhanden gewesen wäre. Beim Bedarf der Betriebe, bzw. ihrer rationalisierten Organisation, die sowohl die erforderten Rohstoffe in unmittelbarer Nähe haben will, als auch die Arbeitskräfte, scheint es auf jeden Kilometer anzukommen. Ergebnis ist, dass das nachteilige Gebiet ausgewählt wird und auf ihm die Städte mit ihren Wohngebieten und Industriegebieten errichtet werden. In den Gründen zur Auswahl und im eingeschränkten Gebiet finden Komló und Miskolc, die darin sicher nur Beispiele für die Industrialisierung der sozialistischen Zeit sind, zusammen.
Jetzt, wo die Industriebetriebe stillstehen, die Bergwerke um Komló eingestellt sind, Stahlwerk und Werkzeugfabrik in Miskolc brachliegen, ergibt sich allerdings ein ganz anderes Bild der Städte. In Miskolc ist die eine Hälfte des Tales wie eine Kulisse: Unverwendet geben die Fabriken mit ihren Schloten, Hallen und Kühltürmen den Hintergrund für die bewohnte andere Seite. In Komló steht im Stadtzentrum ein stillgelegtes Kraftwerk, genauso wie eine stillgelegte Bahnlinie. Die Vergangenheit verschwindet in ihrer Anwesenheit und übt nicht mehr ihre unmittelbare Nachteilhaftigkeit aus: Die Ursache für Abgase, Lärm, Schmutz, Verkehr, Umweltverschmutzung gibt es nicht mehr. Mit der radikalen Abnahme der Bevölkerung braucht es auch nicht mehr den über die Grenzen gehenden Raum; die topografischen Schwierigkeiten müssen angesichts fehlender Entwicklung nicht mehr überschritten werden.
In der Veränderung des Kontexts verändert sich die Bedeutung der Einschränkung. Die mit dem industriell genutzten Ort zusammenhängenden Nachteile verdrehen sich ins Gegenteil. Ohne Qualm und Schmutz erscheint die Natur nicht mehr als Einschränkung, denn die Enge des Tals bedeutet gleichzeitig, dass grüne unbebaute Flächen immer nahe sind. Die natürlichen Gegebenheiten werden zu Vorteil und schmückendem Element. Gleichzeitig bedeutet die topographische Einschränkung Verdichtung des städtischen Raumes. Das, was sich sonst über größere Flächen verteilen würde – besonders in einer modernen Stadt mit ihren Einfamilienhäusern und Einkaufscentern –, wird auf die geringe zur Verfügung stehende Fläche eingeschränkt. Die eingeschränkte Stadt wirkt somit viel städtischer, belebter und größer als sie eigentlich ist.
Es kommt zu einer Verdrehung der ursprünglichen Eigenschaften; die Industriestadt veränderte sich in ihren Beschränkungen, die somit ihre Bedeutung verändern. Entgegen der Entstehung der beiden Städte als quasi Neugründungen in der sozialistischen Zeit bleibt die auf die Industrie ausgerichtete Struktur der Städte erhalten – zu radikaler Veränderung gibt es keinen gesellschaftlichen Bedarf. (Für alles weitere muss auf das Erscheinen des – angekündigten – Stadtatlas zu Miskolc gewartet werden.)
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