Text2 zu Sopron – zwei touristische Texte über Sopron aus dem Jahr 1977
Text2 zu Sopron – zwei touristische Texte über Sopron aus dem Jahr 1977
Der erste Text des Schmetterings zu Sopron behandelte allgemein die Entwicklung der Stadt. Er stellte für die Stadt die paradoxe Eigenschaft fest, dass Veränderung Konservierung bedeutet. Die Struktur der Innenstadt blieb gerade deshalb erhalten, da die einzelnen Häuser sich an neue Bedürfnisse anpassten. Zu größerer und radikaler Veränderung – und so einem grundsätzlichen Wechsel im Erscheinungsbild der Stadt – bestand hingegen nicht der Bedarf. Es ergibt sich einerseits der Eindruck in einer sehr alten Stadt (mittelalterlich) zu sein, also konserviert; andererseits sind die Häuser in erster Linie Barockhäuser, also verändert. Zwischen Erscheinung und Empfinden findet die Widersprüchlichkeit der Stadt ebenfalls ihren Ausdruck.
(In dem jetzt vorgestellten Fotobuch wird das Gefühl zwischen Bleiben und Veränderung ähnlich beschrieben. Nachdem gesagt wird, dass sich auf der Welt vielleicht keine zweite Stadt findet, die in ihrem Stadtbild derart einheitlich ist, wird das Gegenteil angeführt: ‚Richtig, in diesen ruhigen Gassen können wir die streifenden Zeichen der sich abwechselnden Stile bemerken. [...] Aber trotzdem ist unser Gefühl: hier blieb eine Stadt erhalten, als wären Jahrhunderte sie nicht berührend über sie gegangen.‘ Der Gegenstand – das Erscheinungsbild der Stadt – rechtfertigt den Widerspruch, lässt ihn verschwinden und logisch werden.)
In dem sich verändernden Erhalten der Stadt gibt es herausstechende Daten. Zuerst: Die Stadt behält Mitte des 13. Jahrhunderts die Form der vorangegangenen (militärischen) Siedlungen bei, die bis in die Antike zurückreichen. Auch spätere Stadterweiterungen greifen diese Struktur nicht mehr an. Sie wird einzig abgeändert, etwa durch die Hinzufügung der mittleren Neu-Straße, oder durch die Erweiterungen, die mit der Aufgabe der militärischen Verwendung der Stadtmauer zusammenhängen. Oder im Gegensatz zu Erweiterungen, Zerstörungen. 1676 wütete ein großes Feuer in der Stadt. Dieses führte zur barocken Erneuerung. Oder die Zerstörungen im Zuge des Zweiten Weltkriegs. Sowohl Luftangriffe als auch die Kämpfe zur Befreiung der Stadt zerstörten oder beschädigten Häusern. (Sopron war nach dem Fall Budapest das Zentrum der mit Nazi-Deutschland verbündeten Pfeilkreuzler-Regierung.) Aber jeweils wurde nach Zerstörungen und Erweiterungen an dem bestehenden System festgehalten. Obwohl es naheliegende Gründe zu grundsätzlicher Veränderung gewesen wären – aber für eine solche gab es keinen Bedarf.
Bei den beiden Büchern, die jetzt in dem zweiten Text zu Sopron behandelt werden, handelt es sich einerseits um einen klassischen Reiseführer. Unter dem Titel Sopron wurde er 1977 von dem Fremdenverkehrsamt des Komitats Győr-Sopron herausgegeben. Der Reiseführer erschien auch in deutscher Übersetzung von Beata Bartyik. Das zweite Buch trägt den gleichen Titel, ergänzt mit dem Untertitel Egy Város Évszázadai (Die Jahrhunderte einer Stadt) und erschien wohl auch im Jahr 1977 (es wird kein genaues Jahr angegeben). Bei dem Buch handelt es sich um ein Fotobuch mit Begleittexten. Die Texte sind auf ungarisch, am Ende des Buches finden sich ein zusammenfassender Text auf Englisch, Deutsch und Russisch.
Das gleichzeitige Erscheinen der Bücher kann durch den Abschluss (oder zumindest großen Fortschritt) in der Renovierung der Innenstadt erklärt werden, aber auch durch die Verleihung eines westdeutschen Preises 1975 an Sopron für die Neugestaltung der Innenstadt, der wahrscheinlich auch für internationale Aufmerksamkeit und Interesse an der Stadt sorgte. Nicht zuletzt feierte Sopron 1977 ein Jubiläum, das die Publikation der Bücher mitmotivierte. 1277 eroberte der Árpádenkönig Ladislaus IV die Stadt von König Ottokar und erhob sie zur königlichen Freistadt. Die Stadt feierte 1977 quasi ihr 700 jähriges Jubiläum.
In den beiden Texten nimmt die Zerstörung nach dem Zweiten Weltkrieg als Ausgangspunkt eine wichtige Rolle ein. Indem die Stadt beschrieben wird, wird die Form des Wiederaufbaus beschrieben, erklärt, gerechtfertigt und gelobt. Dabei wird klar, dass dieser in einer speziellen Form ablief, es sich um einen Aufbau als verändernde Restaurierung handelt – erneut eine verändernde Konservierung abläuft.
Die beiden Texte aus den 70er Jahren können als Ausgangspunkt verwendet werden, um ein wichtiges Element im aktuellen Erscheinungsbild der Stadt zu beschreiben und eine entscheidende Veränderung (Wiederaufbau nach dem Krieg) zu verstehen – in seinen Bedeutungen, Erwartungen und Konsequenzen. Aber auch geben die beiden Bücher ein weiteres Beispiel für den widersprüchlichen Charakter zwischen Veränderung und Bewahrung. Die Beschäftigung mit den alten touristischen Büchern ist eine, bei der es um die Gegenwart der Stadt geht.
Fotobuch und Reiseführer als Beispiele
In dem deutschen Text des Fotobuches heißt es: „Jede der verlaufenden Epochen liess seine Wahrzeichen hier. Die heutige Stadt Sopron ist eben deshalb ein offenes Buch, eine [1] die Geschichte der vergangenen Jahrhunderte bewahrende und ins Gedächtnis zurückrufende Stadt. Die Werke der Vergangenheit sind hier so lebendig, dass jede Epoche der Geschichte fast ohne Änderung in Erinnerung zurückgerufen werden kann.“ Die verschiedenen Epochen werden aufgezählt, mit den Epochen beginnend, die die Archäologie an die Oberfläche bringt, bis hin zu den Epochen, über die die bestehenden Gebäude berichten. „Jahrhunderte geben einander zwischen den Stadtmauern Rendezvous. […] Sopron ist somit [1] eine monumentale Illustration der Kunstgeschichte Ungarns. Jeder Stil ist in der Stadt vorzufinden, und am wenigstens betastet in der inneren Stadt.“ Darauf folgt eine zusammenfassende Darstellung der Stadt, die verschiedenen Viertel werden genannt und in ihrer die Vergangenheit und Gegenwart verbindenden Bedeutung kurz beschrieben.
Abgeschlossen wird der Text mit folgenden Bemerkungen: „Bei einem Rundgang durch die Stadt trifft man überall Überreste und Denkmäler der alten Vergangenheit. Diese Gebäude beweisen, wobei sie die vergangenen Zeiten in Erinnerung rufen, mit ihrer heutigen Schönheit, dass die Stadt Sopron ein [2] getreuer Eigentümer und Hüter der Werte der Vergangenheit ist und alles hoch schätzt, was ihr von den Vorfahren überlassen wurde.
Für diese beispielhafte Pflege und Bewahrung der Kunstschätze und Kunstdenkmäler erhielt die Stadt Sopron den Europapreis.
Die dreitausend Jahre alte Siedlung und die siebenhundert Jahre alte Stadt verkündet mit ihrer heutigen Schönheit die Schaffungs- und Bildungskraft des Menschen, sie bezeugt die schöne menschliche Tat der Bewahrung und Erhaltung.“
Das Fotobuch stellt fest, dass Sopron eine besondere Stadt ist. Deshalb, da viele verschiedene Schichten der Vergangenheit gesehen werden können. Die Vergangenheit kann nicht nur in der Gegenwart gesehen werden, sondern Vergangenheit und Gegenwart werden darüber hinausgehend miteinander verbunden. Gleich am Anfang des Zitats wird die Verbindung deutlich gemacht, indem die Stadt mit einem Buch verglichen wird. Nicht nur Buchstaben oder Gebäude sind Inhalte von Büchern, sondern indem sie gelesen werden, werden sie interpretiert. Das bedeutet, auf die Gegenwart übertragen. Was Interpretation für das steinerne Buch bedeutet, zeigt das weitere Zitat, sie läuft auf zwei Ebenen ab.
Erstens [1] wird die Stadt in der Bedeutung eines Museums verstanden. In der pädagogischen Bedeutung des Museums kann durch das Sehen der Stadt über Ereignisse der Vergangenheit und der Kunstgeschichte gelernt werden.
Es handelt sich allerdings nicht um einen abgeschlossenen Schauraum, der seine Ausstellungsstücke in Vitrinen eingeschlossen zeigt, sondern um ein lebendiges Museum. Weil es sich um eine verwendete Stadt handelt, kann das Leben jetzt mit den Elemente aus der Vergangenheit verbunden werden und somit auf das Leben von früher geschlossen (erinnert) werden. Zweites wichtiges Element ist, dass die Objekte aus der Vergangenheit an der Oberfläche liegen, nicht ausgegraben oder mit großem Eingriff hervorgebracht werden müssen. Man lernt nicht abstrakt oder an etwas neu gebautem, woraus ein künstlicher und somit wenig erfolgreicher Eindruck der Vergangenheit entstehen würde. Sopron als Museum ermöglicht vielmehr, dass die Vergangenheit neu aufgeführt vor einem erscheint: dass die Steine die Geschichte der Stadt erzählen.
Eine andere Formulierung aus dem Fotobuch drückt diese ‚zauberhafte‘ Verbindung aus: ‚Mit der Sorge des Denkmalschutzes werden Fassaden mittelalterlich gezaubert und diese Zeiten blitzen zurück. Und plötzlich verlebendigt sich die Vergangenheit.‘ Oder: Das historische und kunsthistorische Museum funktioniert deshalb, da ‚die Vergangenheit und die Gegenwart gleichzeitig in der Stadt leben‘.
Der Blick in vergangene Epochen (historisch und kunsthistorisch gesehen) zeigt nicht nur die großen Männer, Werke und Ereignisse, sondern auch die Namenlosen mit ihren Werke erscheinen – wie der Text betont. Diese handelten zwar nicht mit dem Bewusstsein für die kommenden Zeiten zu schaffen, aber unabhängig von der Art des Entstehens handelt es sich um aus totem Material geschaffene Schönheit. Da die Stadt das Zufällige und nicht bewusst konservierte und geschaffene zeigt, verstärkt sich die Lebendigkeit und somit der Erfolg der Stadt als historisches und kunsthistorisches Museum.
Zweitens [2]: Am Ende des deutschen Textes wird erneut die Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart formuliert (‚heutige Schönheit‘) und mit den aktuellen Anstrengung des Denkmalschutzes gemeinsam gesehen. Weil man in der ‚heutigen Schönheit‘ der Stadt die ‚Schaffungs- und Bildungskraft des Menschen’ früherer Zeiten sehen kann, werden ‚die Werte der Vergangenheit‘ und so gute Eigenschaften des Menschen sichtbar. Dabei allerdings nicht genug, denn ‚Bewahrung und Erhaltung‘ ist ebenso eine gute Eigenschaft. Verschärft – da negativ formuliert – kommt diese Position im ungarischen Text zum Ausdruck: Zerstörung wird als eine der bedeutendsten Eigenschaft des Menschen bezeichnet. In Sopron wurde diese allerdings in der Vergangenheit nicht gepflegt, genauso wie ihr in der Gegenwart widersprochen wird.
Nicht nur direkt zeigt die Vergangenheit gute Werte und Eigenschaften des Menschen, sondern auch indirekt durch die Leistung des Aufhebens und des aktuellen Denkmalschutzes. Aus der Verbindung von Vergangenheit und Gegenwart zeigt sich der gute Mensch.
Das aktuelle Erscheinungsbild wird zum moralischen Vorbild und Ausdruck richtiger Entscheidungen der Gegenwart – womit die Zukunft gebaut wird. (‚In der Fortsetzung des Lebens trifft so die Vergangenheit auf die Gegenwart. So wird ein Weg in Richtung Zukunft gebaut.‘) Die Stadt wird zum Ausdruck einer neuen Art Mensch, eines besseren Menschen, da bewahrenden Menschen und gleichzeitig zum Vorbild und Aufruf für den Menschen den vermittelten Werten entsprechend gut zu handeln. Ergänzen müsste man, dass es sich bei dem guten Menschen um den sozialistischen Menschen handelt, bzw. um das gute sozialistische System, das Nichtzerstörung und Denkmalschutz ermöglicht.
Gesteigert kann das Bewahrens auch als teleologische Hinentwicklung gesehen werden. In der gewählten Form des Denkmalschutzes findet die Vergangenheit ihr Ziel. Indem alle vergangenen Epochen in den Zustand der Gegenwart vereint werden, ist die Vergangenheit versöhnt, im höheren Zustand der bewahrenden (sozialistischen) Gegenwart. Die Vergangenheit hat ihre Gegenwart erreicht.
Ein Register pathetischer formuliert: ‚Auf ihre Geschichte ausstrahlenden Straßen spazierend lehrt Sopron Menschlichkeit und Heimatliebe, wie der Schönheit und der Gerechtigkeit zu dienen. Und pass auf: Schätze das Erbe der Vergangenheit, die Anstrengung des Menschen über Jahrhunderte, und das nicht aus Anstand, sondern wirklich. Das ist auch in unserer Gegenwart ein Kriterium des Vorankommens.‘
Mit dem aktuellen Erscheinungsbild und seiner Verbindung in die Vergangenheit werden große Erwartungen und Aussagen verknüpft. Dass es zu diesen kommen kann und um die Gleichzeitigkeit der verschiedenen Zeiten und Stile auszudrücken, muss sich die Methode der verändernden Konservierung ändern.
In der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg wurden die Stile fortlaufend in ‚ein neues Gewandt gesteckt‘, was für das Erhalten sorgte. Dem steht der aktuelle Denkmalschutz entgegen, der einerseits ein bewusster Prozess ist – nicht nur als Nebenprodukt erhält – und andererseits alte Sachen sucht und an die Oberfläche holt. Nicht anpassen und überdecken, sondern bewusstes freilegen ist die erhaltende Methode des Denkmalschutzes. Zwar auf eine andere Art, aber trotzdem bedeutet das Veränderung. Sowohl an den barocken Gebäuden, als auch an den gefundenen Schichten früherer Zeiten. Am barocken Haus werden frühere Elemente gefunden, die es mit anderen Stilen ergänzen – was bedeutet, dass barocke Elemente ersetzt und zerstört werden – und es in seiner Erscheinung ändern. Das Element aus früheren Zeiten wird isoliert und rekonstruiert, also verändert und in ein Erscheinungsbild gebracht, das so nur in der Gegenwart bestand. Ergebnis ist eine eklektische Zusammenstellung auf den Fassaden der Häuser, die einen Zustand fiktiver Mischung zeigen.
In der Veränderung verfolgt der Denkmalschutz ein ästhetisches, gestalterisches Programm. Es muss die Entscheidung getroffen werden, zu welchem Zustand ein Gebäude rekonstruiert wird. Welche Elemente an welchen Stellen freigelegt werden (und welche nicht), welche Elemente dafür zerstört werden, wie die neuen alten Elemente genau aussehen sollen, rekonstruiert werden, haltbar gemacht werden, wie sie zu anderen Elementen in Bezug treten sollen. Alles Fragen, auf die die Vergangenheit keine unmittelbare Antwort gibt, sondern die jetzt entschieden werden müssen.
Bewusste Veränderung, also Gestaltung, erzeugt einerseits die Gleichzeitigkeit, ist andererseits die Voraussetzung, dass die großen pädagogischen und moralischen Ziele mit der Stadt verbunden werden können. Die neue Art des Denkmalschutz schafft die Verbindung aus Vergangenheit und Gegenwart. Die Fotos des Buches illustrieren die spezielle Aussage der Stadt. Meist werden Aufnahmen von Details gezeigt, als Ausdruck der zusammengesetzten Gegenwart.
An konkreten Beispielen einzelner Häuser beschreibt der Reiseführer Sopron den verändernd erhaltenden Prozess, besonders den des aktuellen Denkmalschutzes. Die großen Ereignisse der Stadtgeschichte – Feuer und Zweiter Weltkrieg – werden darin häufig erwähnt. Am Anfang des Reiseführers in der allgemeinen Vorstellung der Stadt heißt es: „Die äusserlich noch an das Mittelalter erinnernde Stadt wurde im Jahre 1676 von einer fürchterlichen Feuerbrunst fast vollkommen vernichtet [...]. Einen bedeutsamen Impuls zum Wiederaufbau gab der für das Jahr 1681 einberufene Landtag. Der Wiederaufbau der abgebrannten Häuser stand schon im Zeichen der dieser Zeit entsprechenden Mode des Barocks.“ Der Schilderung folgend muss man vermuten, dass die alte mittelalterliche Stadt im Feuer unterging. Aber unvermittelt fährt der Reiseführer fort: „Jedoch kommen heute bei Nachforschungen an Gebäuden, beim Abschlagen des Putzes oft Baudenkmäler des Mittelalters, der Gotik und der Renaissance zum Vorschein.“ (7) Die Zerstörung des Feuers kann nicht so vollständig gewesen sein, und der barocke Wiederaufbau somit mehr ein Überdecken, ein Putz, ein notwendiger ‚Gewandtwechsel‘. Anders könnte es nicht möglich sein, dass im aktuellen Wiederaufbau Elemente aus den scheinbar verschwundenen Epochen hervortreten. Bzw. hervortreten ist nicht das richtige Wort, der Reiseführer verwendet das Wort ‚Abschlagen‘. Das Barocke wird als überdeckendes zerstört, dass das Vorangegangene zum Vorschein kommt. Zwischen Wechsel an Zerstören und Überdecken gibt der Reiseführer die verändernd-erhaltende Methode Soprons an – für die Vergangenheit und die Gegenwart.
In den Beschreibungen des Reiseführers wiederholt sich dieses Muster: Sie betonen Elemente aus der Zeit vor dem Feuer, die jetzt im Wiederaufbau an die Oberfläche geholt werden.
Als Beispiel für einen Eintrag kann die Beschreibung des Hauses Kolosztor utca 5 angeführt werden. (Heute handelt es sich wahrscheinlich um Kolosztor utca 9 – es ist ungewiss, warum die Hausnummern nicht übereinstimmen, ob es sich um einen Fehler handelt oder die Nummerierung verändert wurde.) „Die 1953 aufgrund von Untersuchungen zum Vorschein gekommenen und restaurierten mittelalterlichen Details bezeugen den mittelalterlichen Ursprung des Hauses, welches nach der Brandkatastrophe von 1676 seine barocke Form erhielt. Wir können heute die nach der Erneuerung sichtbar gewordenen, aufeinanderfolgenden Stile bewundern. An der nördlichen Fassadenecke des Erdgeschosses wurde ein gotisches Fenster entdeckt. Rechts daneben wurde die spätgotische Kellertür freigelegt. In der anderen Achse des zweiten Stockes ruht der hervorspringende geschlossene Erker auf gotischen Konsolen. Auch mittelalterliche Einzelheiten der vielfarbigen geometrischen Ornamentik des Renaissanceerkers kamen mit der Steinrahmung des Gebäudes zum Vorschein. Durch das korbbogenförmige Tor gelangt man in die mit Kreuz- und Tonnengewölbe versehene Toreinfahrt, wo man ein schmales, mittelalterliches Schlitzfenster zu sehen bekommt.“ (35)
Das Zitat beginnt mit der Jahreszahl der Renovierung: die Renovierungsgeschichte und die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg sind der Ausgangspunkt. Die Beschreibung führt vor das oberflächliche Erscheinungsbild in die Zeit vor dem Feuer zurück, wobei auf die ‚barocke Form‘ nicht eingegangen wird – die den Hintergrund der früheren Elemente darstellt. Die gefundenen Elemente aus verschiedenen Epochen werden hingegen angeführt: Elemente aus Gotik und Renaissance. Die Mischung (ohne die barocken Elemente) wird als das Wertvolle und Bewundernswerte präsentiert – als das, was vom Reiseführer für die Stadtbesichtigung der Touristen herausgestrichen wird.
Wie in den ersten beiden Zitat aus dem Reiseführer, so ergibt auch die Beschreibung des Gesamteindrucks der Innenstadt, dass Einheitlichkeit gerade durch stilistische Vielfältigkeit entsteht: „Enge, schöngeschwungene Gassen, in die je ein Turm blickt, alte, mit Erkern versehene Barockhäuser, mächtige, gewölbte Toreinfahrten, schmiedeeiserne Tore, Höfe mit Loggien und Arkaden und – eingeschlossen in die Barockstimmung – Überreste von Gotik und Renaissance: das sind die hervortretenden Merkmale der Innenstadt. Leider wurde dieser edle Zusammenhang an einigen Stellen durch Unverständnis zerstört, im grossen und ganzen blieb jedoch das geschlossene und einheitliche künstlerische Gesamtbild der Innenstadt bis in unsere Tage erhalten.“ (11) Das Zitat erwähnt nicht nur das Barock als Teil der Mischung, sondern fügt die Klage darüber hinzu, dass es auch in Sopron zu Zerstörung kam – nicht immer und überall das verändernde Erhalten wirksam war. Das am häufigsten angeführte Beispiel dafür ist das Rathaus. Das neue Rathaus wurde im 19. Jahrhundert errichtet und ersetzte ein barockes Gebäude: „Der Abbruch des alten Rathauses bedeutet einen nie wieder gutzumachenden Verlust an unserem Denkmalschutz.“ (11)
Der punktuellen Zerstörung des 19. Jahrhunderts wird vom Reiseführer das erste Dokument des ‚Denkmalschutzes‘ in der Stadt entgegengesetzt: „Bereits 1525 erlies König Lajos (Ludwig) II. ein Verbot, in welchem er dem Stadtrat strengstens untersagte, den [Haupt-]Platz durch Abreisen des heutigen Apothekenhauses zu vergrössern, weil dadurch das harmonische Gesamtbild des Platzes leiden würde.“ (11) Damit macht der Text auch klar, dass sich die aktuellen Handlungen auf eine Tradition berufen können, die gleichzeitig als Legitimation verstanden werden muss.
Eine zeitgenössische Legitimation ist der Preis an Sopron, die auch im Reiseführer erwähnt wird: „Für diese, mit viel Umsicht durchgeführte Arbeit erhielt Sopron im Jahr 1975 den Europa-Preis der F.V.S-Stiftung.“ (9)
Wie die Methode des verändernden Erhaltens sich verändert hat, so auch der Grund dafür. Die alte Form der Konservierung durch den ‚Gewandtwechel‘ erklärt das Fotobuch. Im Zuge der Beschreibung des Hauptplatzes sagt es, dass es dort seit zweieinhalb Jahrhunderten ruhig sei. Der Handel und der Verkehr zogen vor die Mauer. ‚Der Lärm zog aus vom Platz. Seitdem wohnt hier die Ruhe. Heute, auch in dem Zeitalter der Autostraßen empfängt uns die Ruhe. Weil, wenn selten das eine oder andere Auto über ihn fährt, so als würde auch das leiser werden. So als ob es fühlen würde: hier gebietet die Geschichte der Jahrhunderte Ruhe.‘
Neben dem Pathos des Bildes der Geschichte, die Ruhe befielt, bedeutet Ruhe, dass Aktivität und so der Alltag nicht an an diesem Orten stattfindet. Die Verwendung der Stadt verlagerte sich aus dem Zentrum, radikale Veränderung ist nicht nötig. Erhalten ist Resultat der Art der Verwendung.
Die neue Form der Konservierung durch den Denkmalschutz erklärt sich nicht nur aus den moralischen und pädagogischen Zielen, vielmehr nennt der Reiseführer auch ganz handfeste Gründe: „Gleichzeitig mit der Rekonstruktion der Kunstdenkmäler wurden die Hotels wiederaufgebaut, neue Ferienheime und Sanatorien entstanden. Heute stehen bereits 1200 Plätze für die Unterbringung der Gäste zur Verfügung. Eine Regierungsverordnung besagt, dass die Zahl der Plätze stufenweise auf 5000 zu erhöhen ist.“ (9) Die Stadt wird schön und besonderes gemacht, um sie touristisch zu verwenden. Mit dem geplanten Denkmalschutz geht der geplante Ausbau von Hotels einher. Verändernd erhaltend kommt die Stadt – als reisen in das Ferienparadies Vergangenheit – zu einer neuen Veränderung.
Nicht nur der Ausbau der Hotelinfrastruktur, sondern auch das Erscheinen der beiden Bücher ist in dem touristischen Zusammenhang zu sehen. Nur, dass sie sich auch an ein ausländisches Publikum richten – der Reiseführer ist vollständig deutsch, das Fotobuch hat zumindest deutsche Bildtitel und zusammenfassende fremdsprachige Texte. Der Tourismus soll auch international gefördert werden.
Resümee
Das Eigenartige ist, dass mit Sopron eine Stadt entsteht, die sowohl ein abgeschlossenes Bild der verschiedenen Schichten der Vergangenheit ergibt, aber gleichzeitig auch mehrere solcher Schichten darstellt. Nebeneinander befinden sich mehrere Vergangenheiten, die jeweils ganz und lebendig sind. Der Widerspruch ist möglich, da der Denkmalschutz alle Vergangenheiten in der Gegenwart zu einem neuen Bild zusammenfügt; auf eine Fassade werden Elemente aus verschiedensten Zeiten verbunden und ins aktuelle Leben gesetzt. In diesem Aufwand bedeutet Denkmalschutz (erhaltende) Veränderung, an den einzelnen Elementen hin zu einem Ergebnis, das keinem historischen Zustand entspricht. Mit Zusammenfügung und Veränderung, also der Methode des Denkmalschutzes, wird eine moralisch pädagogische Aussage verbunden: als kunsthistorisches und historisches Museum und Ausdruck und Vorbild guter Werte des (sozialistischen) Menschen.
Wenn Vermittlung und Ausstellen von Vergangenheit genauso wie Interpretation dieser Ergebnis des Denkmalschutzes in Sopron ist, dann hat er in diesen Eigenschaften eine Gemeinsamkeit mit der Epoche des Historismus. Dieser sucht nach vergangenen Formen, schafft diese neu und stellt sie seinen eigenen ästhetischen Plänen folgend verändernd zusammen. Gleichzeitig wird dem Stil eine Bedeutung versehen, mit der Vergangenheit eine Aussage für die Gegenwart getroffen. Aus Zusammenstellung und Veränderung kommt es zu pädagogisch-moralischer Aussage. Als ein Beispiel für eine historistische Anlage könnte die Wiener Ringstraße angeführt werden.
Veränderung zu Sopron ist, dass in Sopron der Denkmalschutz die Bauteile aus den verschiedenen Zeiten in den Gebäuden findet. Es wird behauptet, dass die Elemente sich einmal an dieser Stelle befanden, nur erneut hervorgeholt werden. Selbst sollte das stimmen, bleibt es bei der gestalterischen Entscheidung, dass unterschiedliches nebeneinander gesetzt wird. Dabei handelt es sich um den zweiten und bedeutenden Unterschied. Die verschiedenen Stile werden in ein Haus gerückt. Nicht das ganze Haus ist einheitlich einem Stil zugeordnet, sondern auf der Ausstellungsfläche Fassade wechseln sich die verschiedensten Aussage über verschiedene Vergangenheiten ab.
In der stilistischen Gleichzeitigkeit nähert sich die rekonstruierte Fassade in Sopron dem postmodernen Bauwerk an. Für dieses gilt als stildefinierende Eigenschaft die Stilvielfalt: Es setzt sich aus Elementen verschiedener Schichten zusammen. Das, was in Sopron als Denkmalschutz bezeichnet und legitimiert wird, wird im postmodernen Bauen mit Neukonstruktion erreicht. Für die Stilvielfalt kann in Sopron die Vergangenheit als Rechtfertigung angeführt werden, was es leichter macht, die wilde Mischung zu begründen. In dieser Begründetheit aus dem Denkmalschutz kann Sopron als Glied in die fiktive Entwicklungsgeschichte des postmodernen Bauens eingefügt werden: In der Verschiebung der historistischen Zusammenstellung von der Größenordnung der Stadt (Ringstraße) auf die der Fassade.
Der Unterschied zum neukonstruierenden postmodernen Bauen reduziert sich allerdings dadurch, dass dieses für seine Auswahl an Elementen ebenfalls nach Gründen sucht. Es werden solche Elemente verwendet, die eine Aussage über Ort und Verwendung haben (dem Historismus entsprechend). Der Aspekt des Denkmalschutzes wird nicht konkret als materielles Wiederfinden gesehen, sondern abstrakter, als ein Finden und Wiederverwenden von typischen Formen.
Verbindung zwischen Sopron und Postmoderne ist, dass es zu gleichzeitigem Ausdruck verschiedener historischer Epochen kommt. Dafür wird Material geformt (was die Gemeinsamkeit mit dem Historismus wäre), dass moralisch pädagogische Aussagen getroffen werden können.
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