Über Reisejournalismus

Über Reisejournalismus


In jeder Gattung gibt es gelungenere und weniger gelungenere Beispiele. Im Fall von Reisetexten kann wie bei Sachtexten grundsätzlich mit dem Wissen des Autors über den Gegenstand zwischen gut und schlecht unterschieden werden. Dass der Autor über den Gegenstand Bescheid weiß, ist Voraussetzung einen Ort nachvollziehbar vorzustellen und Informationen über diesen zu vermitteln – also die Ziele eines Sachtextes allgemein und eines Reisetextes speziell zu erreichen. Als scheiterndes Beispiel in dieser Grundunterscheidung mag ich eine Ö1 Radiosendung über die Tisza (Theiß) [Radiokolleg-Spezial, 29.9.2025-1.10.2025: https://oe1.orf.at/archiv_imfluss] besprechen.

Auf den ersten Blick wird die Unterscheidung zwischen Wissen und Nichtwissen als selbstverständlich erscheinen, in einem zweiten Blick wird allerdings auch sie um einiges interessanter und weniger offensichtlich. Denn die Form des Reisetexts sieht vor, dass nicht unbedingt eigenes (das des Autors) Wissen wiedergegeben wird; sie hat ein anderes Verhältnis zu Wissen als andere argumentative Textsorten. In einem argumentativen Text kann grundsätzlich etwas, das nicht gewusst wird, nicht gesagt werden; nicht Gewusstes kann nicht Teil des Textes sein. Durch Fehlen wird der Text zu einem schlechten Text. Im Gegensatz dazu kann nicht Gewusstes Teil des Reisetextes sein. Die Situation des Reisens ist häufig Nicht-Wissen, womit Suche, Erlangen und Ergänzen von Wissen zusammenhängt. Entsprechend kann diese Situation auch im Schreiben über das Reisen dargestellt werden. Nicht-Wissen ist der Ausgangspunkt, das in der Suche des Autors nach Informationen durch Stimmen externer Informationsquellen angereichert wird. Nicht-Wissen bedeutet somit nicht notwendig Fehlen von Information, sondern es kann als anderes und zum eigenen werdend im Text vorhanden sein.

Das Problematische des Nicht-Wissen liegt anders: Zum Problem geworden, bedeutet es Ausgeliefertheit des Autors an das Wissen der anderen Person. Weiß man selber nicht und kann das Neue nicht in einen Kontext einordnen oder bewerten, hat man die Information als Tatsache in den eigenen Text einzubauen. Mit Nicht-Wissen verliert der Autor nicht nur die Fähigkeit zur eigenen Stimme, sondern auch zu Auswahl, Überprüfung, Korrektur, Ordnung und Veränderung der Informationen. Das bedeutet, dass die Möglichkeit zur Kritik an der anderen Aussage und der dadurch beschriebenen Situation verloren geht; letztlich schlicht die Möglichkeit zur entsprechenden Darstellung und Vorstellung des Gegenstandes. Der schlechte, da nicht wissende Reisetext ist kritiklos, mit dem Bestehenden einverstanden. Etwas, was grundsätzlich problematisch ist und am Ziel des Schreibens über Orte vorbeigeht; wenn der Ort der Reise hingegen Ungarn ist, allerdings um einiges problematischer ist.

Wie Nicht-Wissen in der Ö1-Sendung erscheint, beschreibt mein Text in drei Gruppen. Für die Beispiele wird fehlender Kontext, bzw. andere fehlende Informationen hinzugefügt und jeweils auf Bedeutung und Konsequenzen des Fehlens eingegangen. Es wird der Versuch unternommen die Sendung in den angesprochenen Beispielen zu ergänzen, womit nicht zuletzt die Kritik am Bestehenden hinzugefügt werden soll.



1) ideologische Ausrichtung

Fremde Informationen, die eindeutig bestimmte ideologische Position ausdrücken, werden unwidersprochen Teil der Sendung, womit die Sendung diese aussagt und ihnen zustimmt.

Die deutsche Minderheit in Ungarn ist ein beliebtes Thema der österreichischen und deutschen Medien. Auf scheinbar vertrautes und gleiches kann gezeigt werden und vom Publikum auch als solches erkannt werden. Über die Beschaffenheit und Ausrichtung der Minderheit muss dann nicht viel weiteres gesagt, bzw. nachgedacht werden. Es ist toll, dass es das gibt und fertig.

Über ihr Selbstverständnis sprechen im zweiten Teil der Sendung (30.9.) Angehörige der Minderheit aus der Region um Tokaj. Der Vorsitzende der politischen Vertretung spricht über die Vergangenheit, wie die Deutschen nach Ungarn kamen. Da er nicht Deutsch kann, übernimmt die Moderation und spricht für ihn weiter, gibt seine Informationen in ihrer Stimme wieder. Der Schnelldurchlauf der Geschichte springt in Harmonie des Zusammenlebens vom 17. Jh. direkt zum Ende des Zweiten Weltkriegs, das Vertreibung und Zwangsarbeit bedeutet und somit das Ende der ereignislosen aber guten Geschichte. Der selektiven Geschichtserzählung fügt die Moderatorin nichts hinzu, erteilt hingegen erneut das Wort einer Vertreterin der Minderheit, diesmal einer Lehrerin. Diese darf erklären, dass trotz der Ereignisse nach dem Krieg und der darauf folgenden Assimilation, die Eigenschaften der Deutschen in den an die Mehrheit angeglichenen Menschen erhalten blieben und auch in den Nachfahren weiter vorhanden sind: Bei den somit genetisch weitergegebenen Eigenschaften handelt es sich um nichts anderes als Fleiß, Pünktlichkeit und Sparsamkeit.

Nicht dass die Moderatorin mit einem ‚aber‘ oder einem anderen Wort des Gegensatz zu dieser zweifelhaften Aussage fortfährt, nein, sie sagt ‚und‘. Sie bestätigt damit nicht nur, dass wahrlich diese deutschen Eigenschaften bestehen und in der Minderheit vorhanden sind, sondern sie fügt hinzu, dass auch die alten Traditionen gepflegt werden – wie Maibaum, Tanzen, Singen, Schweineschlachten.

Die Selbstbestimmung führt stereotype Eigenschaften, die im Einzelnen nicht bestehen können, bzw. Traditionen, die mehr vorgegebene sind, an. Bei den Eigenschaften der Minderheit handelt es sich um kaum identifizierende Eigenschaften, die als solche auch nicht zur Unterscheidung zwischen Minderheit und Mehrheitsgesellschaft dienen können. Als Ergebnis müsste eine leere und ununterschiedene Gruppe stehen.

Dass es sich in Art und Inhalt der Selbstbestimmung nicht um einen Zufall oder Fehler handelt, klingt am Ende des Sendungsabschnitts an, als die ideologischen Konsequenzen dieses Konzepts von Minderheit vorgeführt werden: Die Lehrerin sagt, dass sie sich so fühlt als wäre sie „halb Deutsche“, was sie allerdings „noch nicht beweisen“ konnte. Der Stammbaum gibt den Beweis nicht her, die Ahnen stimmen nicht. Verdreht sagt sie dadurch aus, dass in der Inhaltsleere einzig das rassische Argument bleibt, dass die arische Herkunft die aktuelle Zugehörigkeit festlegt. Im Lachen der Auskunftsperson wird ganz ernst vorgetragen, dass mit dieser Bestimmung von Minderheit eine rassische Vorstellung von Gesellschaft zusammenhängt.

Mit dieser Aussage endet die Sendung. Nicht zur Vorführung, der anschließend widersprochen wird, kommen die von der Stimme der Moderation unterstützten leeren Phrasen der Selbstaussage, sondern sie bleiben unwidersprochen stehen. Nicht benannt wird somit auch nicht mit welcher Vorstellung das Konzept zusammenhängt, bzw. in welchem Kontext der Vergangenheit und der Gegenwart es gesehen werden muss. Hinzugefügt muss: Für die Vergangenheit besteht die Traditionslinie zur rassischen Vorstellungswelt des Nationalsozialismus; für die Gegenwart hingegen zur Politik der ungarischen Regierung. Die Regierung verwendet die Minderheit einerseits zu ihrer positiven Darstellung nach außen. Entgegen der allgemeinen Meinung, dass Ungarn eine geschlossene Diktatur ist, zeigen die vielen Minderheiten des Landes auf die Vielfalt und so gute Beschaffenheit des Landes. Die Situation der Minderheiten erzeugt ein gutes Bild des Landes, wird zum Propagandainstrument. Andererseits hat die rassische und kulturalistische Geformtheit der Minderheit Vorbildfunktion für die gesamte Gesellschaft. So wie Eigenschaften und Verhaltensweisen der Minderheit als quasi natürliches feststehen, so soll diese Einheitlichkeit auch in der gesamten Bevölkerung bestehen: auch für alle gültige ungarische Eigenschaften und Traditionen bestehen. In der Unklarheit und Unbestimmtheit der Eigenschaften bedeutet das nur, dass eine nationale Führung diese festlegt: Im Fall der Deutschen deren politische Vertretung; im Fall der Ungarn die Regierung, sprich Fidesz. (Zu dem Zusammenhang von Minderheit und nationaler Formung vgl. Schmettering: Die deutsche Minderheit in Ungarn als Muster zur nationalen Vereinheitlichung,

26.5.2025, https://schmettering.blogspot.com/2025/05/die-deutsche-minderheit-in-ungarn-als.html)


Die deutsche Minderheit ist so wichtig, dass ihr später erneut Sendeplatz gewidmet wird. In der letzten Folge (Nummer 4, 2.10) ist der Weg den Fluss entlang in Serbien (Banat, Vojvodina) angekommen. In der zweiten Beschäftigung wird sich ausführlicher mit den historischen Ereignissen unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg beschäftigt – mit einem ‚schmerzlichen Teil der Geschichte, über den so gut wie nicht gesprochen wurde‘.

Die Auskunftsperson ist ein Filmemacher, Marko Cvejic, und die zeitgeschichtlichen Ereignisse werden erneut in den Kontext einer Diversität gestellt, die in der Zeit davor bestanden haben soll. In dem 17. Jh. wurden Menschen aus ganz Europa in der Region angesiedelt, die es über 200 Jahre zu einer vielfältigen und vielsprachigen Region machten. Dann der Zweite Weltkrieg und das Verbrechen an den Deutschen, die umgebracht und in Konzentrationslager verschleppt wurden, wie gesagt wird. Das Wort ‚Konzentrationslager’ wird als Übersetzung eines Berichtes einer alten Frau über ihre damaligen Erlebnisse verwendet. Ob in der Übersetzung zum Wort gekommen wurde, oder die Frau unmissverständlich es verwendete, die Sendung fügt auf jeden Fall keine Relativierung oder Distanzierung an, das Wort wird Teil der Sendung. Das Wort, das mit den Verbrechen der Nationalsozialisten, mit dem Mord der Deutschen an den Juden verbunden ist, wird mit dieser Verwendung in seiner Bedeutung umgedreht – die Deutschen kommen ins Konzentrationslager; man kann ergänzen: werden vernichtet. In ihrem Bericht fügt die Frau hinzu, dass den Deutschen ‚kübelweise Gold‘ abgenommen wurde, die Sendung fügt hingegen eine kaum endenwollende Liste an Schrecklichkeiten hinzu, die den Deutschen angetan wurden.

Ausführlicher ist die Beschäftigung mit der Geschichte deshalb, da nicht ganz direkt vom harmonischen 17. Jahrhundert ins Verbrechen nach dem Zweiten Weltkrieg gesprungen wird, sondern der Nationalsozialismus, als Zeit vor dem Verbrechen, erwähnt wird. Nationalsozialismus und deutsche Minderheit hatten nämlich ein ‚vergünstigtes‘ Verhältnis, das zur Wehrverpflichtung in Wehrmacht oder Waffen-SS führte, aber auch zur Möglichkeit der Flucht vor der Roten Armee im Rückzug der Nazis. Die, die nicht flüchteten, wurden dann zum Ziel des Verbrechens. Eine Formulierung, die eine Zufälligkeit bzw. sogar eine fehlenden Verbindung zwischen Nationalsozialismus und Opfern des Verbrechens erzeugt: Für die Verbrechen des Nationalsozialismus gibt es auf der Seite der Deutschen keine kollektive Verantwortung (da die Schuldigen flüchteten), allerdings wurde sich nach dem Krieg kollektiv gegen die Deutschen gewandt. Nicht nur werden die Verbrechen gleichgestellt, sondern das an den Deutschen wiegt sogar schwerer.

Abgeschlossen wird der Abschnitt mit dem Ratschlag der österreichischen Moderatorin an Serbien besser mit den traurigen Abschnitten seiner Geschichte umzugehen und zumindest die Denkmäler daran zu pflegen. Erteilt wird der Rat aus der überlegenen Perspektive der Deutschen, die inzwischen den Umgang mit den Verbrechen der eigenen Vergangenheit gelernt haben. Somit wird nicht nur ein Unterschied im ‚Verbrechen‘ ausgemacht, sondern auch im Blick zurück. Dass die Deutschen sozusagen doppelt geschädigt sind, streicht das Ende der Sendung heraus.


Der Gestaltung der Sendung kann man wohl kaum unterstellen, dass sie absichtlich zweifelhafte Positionen zu ihrer Information über die vorgestellte Region macht, dass rassische und revisionistische Inhalte verbreitet werden sollen. Vielmehr in einem Nicht-Wissen über den Ort und die Unmöglichkeit die eingeholten Informationen einzuordnen und zu bewerten, geraten die zweifelhaften Aussagen in die Sendung. Unwidersprochen, somit ihnen zugestimmt, werden sie allerdings zur eigenen Information über den Gegenstand.



2) Halbinformationen

Zu den unter Punkt 1 behandelten Inhalten gibt die Sendung klare Informationen. Dass die ideologisch geformten Information nachvollziehbar werden können, müssen von Auskunftsperson und Moderation gemeinsam die notwendigen Angaben gemacht werden – nur der Kontext fehlt, nicht die Sache selbst. Bei Punkt 2 hingegen entsteht aus dem Zusammenspiel von Moderation und Auskunftspersonen keine Vollständigkeit, sondern die angeführten Informationen ergeben eine Lücke, ein Fehlen. Im Extremfall ist Unverständnis die Folge, bzw. zumindest Oberflächlichkeit.


Die dritte Sendung (1.10) widmet sich dem Abschnitt des Flusses zwischen den Tisza-Stauseen und Szeged, sie stellt den Großteil des ungarischen Abschnitts der Tisza vor. Den größten Platz innerhalb der Sendung bekommen die Umweltprobleme der Tisza-Stauseen. In ihnen stauen und spülen sich nämlich große Mengen an Plastikmüll zusammen. Mit der Vorstellung einer Initiative, die den Müll aus dem See holt, wird das Thema behandelt. Wiederholt wird dabei die Frage aufgeworfen: Woher kommt das ganze Plastik?

Obwohl oder gerade weil die Frage wiederholt gestellt wird, findet sich in der Sendung keine Antwort. So als ob eine Plastikflut entstehen könnte, dass hier und da eine Plastikflasche ins Wasser geworfen wird. Die Lücke an Information, die aus dem Scheitern der Erklärung ganz offensichtlich wird, könnte zumindest teilweise aus der fehlenden Behandlung der industriellen Nutzung der Tisza kommen. Orte oberhalb des Stausees, wie Tiszaújváros, kommen nicht vor, wo sich allerdings sowohl Fabriken der Erdölindustrie als auch der chemischen Industrie befinden. Warum solche größere und prägende Orte nicht behandelt werden, ist unverständlich – besonders wenn ein Zusammenhang mit dem zentralen Thema der Umweltverschmutzung vermutet werden kann.

Ein anderes unvorstellbares Fehlen in Verbindung mit Umweltverschmutzung ist die knappe (beinahe ganz fehlende) Behandlung der Umweltkatastrophe aus dem Jahr 2000. In Rumänien brach ein Becken, in dem aus dem Goldbergbau stammende Abfälle gelagert wurden. In der Folge zog sich eine rote mit Schwermetallen belastete Welle die Tisza hinunter. Wie ein solch prägendes Ereignis den Fluss verändert und trotzdem heute in irgendeiner Hinsicht von einem ‚funktionierenden‘ natürlichen Gewässer gesprochen werden kann, ist nicht nachvollziehbar und fordert umso mehr eine Thematisierung ein.

Wenn Umweltproblematiken großer Platz in der Sendung eingeräumt werden, warum wird nicht über das aktuelle Problem der Trockenheit berichtet, das jetzt und in Zukunft den Fluss verändern wird. Im Sommer 2025 erreichte die Tisza immerhin einen historischen Tiefstand, noch nie gab es so wenig Wasser im Fluss. Vielleicht ist das Fehlen der Aktualität geschuldet, dass über aktuelle Entwicklungen – nach Abschluss der Reise – keine Informationen mehr bestanden. Aber die Trockenheit weist über die aktuelle radikale Entwicklungen hinaus, bei ihr handelt es sich um ein grundlegenderes, schon länger andauerndes Problem: genauso wie bei der industriellen Nutzung und Verschmutzung durch Plastik oder Schwermetalle.

Größeres Wissen über den Gegenstand und seinen Kontext hätte ermöglicht für in der Sendung angesprochene Themen weitere wichtige Informationen anzuführen. Orte und Problematiken hätten dadurch besser und vollständiger vorgestellt werden können und wären nachvollziehbarer geworden. Nicht-Wissen führt zu Halbinformation.


Anderes Beispiel für Halbinformation ist der Bericht über Szeged (Sendung 3, 1.10). In der Schilderung des Wiederaufbaus der Stadt nach der Zerstörung im Hochwasser von 1879 nimmt der Dom eine größere Rolle ein. Sein Bau wurde 1914 begonnen und 1930 abgeschlossen. Die Erzählung der Baugeschichte klingt als ob die Kirche in eine neutrale Situation gebaut worden wäre, als ob sie schlicht zur Erinnerung und Ausübung von Religion gebaut worden wäre. Kein Wort wird daran verschwendet, welches politische System 1930 in Ungarn an der Macht war, und natürlich schon gar nicht darüber, welche Rolle Szeged für Horthy symbolisch und in seiner Machtergreifung spielte. Es handelt sich um Punkte, die die Fremdenführerin (die Auskunftsperson für Szeged) wahrscheinlich nicht anspricht, und deshalb in dem Nicht-Wissen der Moderation in der Sendung fehlen. Ergebnis ist ein scheinbar schönes, affirmatives Bild einer Sehenswürdigkeit – nur dass daneben so einiges unausgesprochen bleibt, womit in Halbheit kaum der Gegenstand vorgestellt werden kann.


Auf Szeged folgend gelangt die Sendung zur Grenze Ungarns mit Serbien (Sendung 4, 2.10). Bekannt ist, dass an dieser 2015 etwas passierte. Der Bau des Zaunes und die menschenverachtende Politik gegenüber Flüchtenden werden geschildert. Aber so als ob die zehn Jahre seit 2015 vollständige Veränderung gebracht hätten – auf die aktuelle Flüchtlingspolitik Ungarns wird nicht eingegangen. Sogar die EU in Form ihres Gerichtshofes ist in dieser Frage allerdings anderer Meinung. Das Gericht verurteilte Ungarn wegen Inkompatibilität seiner Asylgesetze mit EU-Regeln zu einer täglich wachsenden Strafe. Die Sendung spricht über Vergangenes, während die Gegenwart fehlt, über sie nicht Bescheid weiß. Die Behandlung eines Themas, die sich kritisch meint, ist Halbinformation, womit sie einen guten Teil ihrer kritischen Kraft und Möglichkeit verliert, da an der aktuellen Situation auch Uneinverständnis ausgedrückt werden sollte.


Halbinformation auf großer Ebene sind die Informationen, die über große gesellschaftliche Veränderungen gegeben werden – etwa die Veränderungen hin und weg vom Sozialismus. Wenn Orte oder Geschichten behandelt werden, die an diesen Übergängen aufbrechen, können sie nicht ohne Behandlung des Kontext verstanden werden. Meist steht dieser trotzdem nur in einer Art Nebensatz, womit in dem Ziel ein Beispiel nachvollziehbarer zu machen, notwendig gescheitert wird.

Eine unverständliche Einordnung wird etwa am Beispiel der Paprikamühle von Röszke (Sendung 4, 2.10) gebracht. Der Kontext wird nicht selbstständig und unabhängig geschildert, sondern der Auskunftsperson gefolgt. Nicht nur bleibt die Veränderung von Sozialismus und Marktwirtschaft rätselhaft, noch dazu wird sie aus der Perspektive eines bestimmten Interesses angegeben: Die Inhaberin der Mühle darf als Auskunftsperson ihre eigene Geschichte von der Privatisierungsphase in der Wende vom Sozialismus erzählen, und somit von etwas, wovon sie profitierte, in dessen spezieller Situation ihr Unternehmen entstand.

Die Thematisierung eines Zusammenhangs mit der Etablierung des Sozialismus fehlt bei der Schilderung des ‚Verbrechens‘ an den Deutschen hingegen vollständig. Das kann nur als Reduzierung und Streichen eines wichtigen Elements aus den Ereignissen verstanden werden.

Anderes Beispiel für eine Halbinformation über eine gesellschaftliche Veränderung ist der Ausgleichs zwischen Österreich und Ungarn 1867. In diesem Fall wird ein kleiner Teil an Informationen von der Moderation selber hinzugefügt. Die Aussage der Informantin (die Lehrerin aus der Region Tokaj) wäre auch zu blöd, dass man sie unbegleitet stehen lassen könnte. Sie meint nämlich, dass die Königin Sissi den Ausgleich brachte. Von der Moderation wird zwar nicht widersprochen oder zum Kontext Stellung genommen, in dem es zu der staatspolitischen Veränderung kam, allerdings werden wenigstens einige Zusatzinformationen zu den Folgen angegeben: eigene Verfassung, Regierung – Selbstverwaltung.


Komplexe gesellschaftliche Veränderungen sind notwendig Teil der Sendung, allerdings wird kaum versucht diese zu erklären und mit den Informationen aus dem Kontext Orte, Ereignisse oder Geschichten besser nachvollziehbar zu machen. Entweder wird sich auf die Auskunftspersonen verlassen, die Information fehlt vollständig, oder ist sehr lückenhaft. Wäre in der Gestaltung der Sendung das Wissen bekannt gewesen, hätten die Informationen zum Kontext leicht hinzugefügt werden können, hätte dieser ausführlicher behandelt werden können, bzw. hätte sich nicht auf Auskunftspersonen verlassen werden müssen, sondern selbstständig formuliert werden können. Im Nicht-Wissen bleibt die Sendung im besten Fall auf der Oberfläche, mit der sich wie notwendig und automatisch abgefunden wird.



3) Komplettes Fehlen

Wenn man in ein Land fährt, in dem seit knapp einem Jahr regelmäßig Proteste gegen Präsident und Regierung stattfinden, ja sogar in die Stadt fährt, die das Zentrum dieser Proteste ist, aber diese nicht vorkommen, dann fehlt offensichtlich eine zentrale Information über das Land. Die Proteste in Serbien und im Speziellen in Novi Sad kommen nicht vor.

Ein anderes eigenartiges Fehlen ist, dass in vier Sendungen über einen Fluss gesprochen wird, der namensgleich ist mit der Partei, die gerade das politische System Ungarns verändert. Die Partei, die zumindest in Meinungsumfragen vor Orbáns Fidesz liegt, heißt nämlich wie der Fluss Tisza. In der Ausführlichkeit der Sendereihe könnte man sich schon erwarten, dass dies thematisiert wird, ob man es mit einer Zufälligkeit zu tun hat, oder ob und wie die Gleichheit erklärt werden könnte. Problem der Sendung – und vielleicht allgemeiner der Form des journalistischen Schreibens über Orte – ist, dass der konkrete Bereich von Beispielen nicht verlassen wird. Würde über Tisza als Parteibezeichnung gesprochen werden, müsste es aber um die symbolische Bedeutung des Flusses und seiner Region gehen und somit nicht mehr über konkrete Orte. Ob aus Schwierigkeiten der Form derart aktuelle und wichtige Fragen vermieden werden, oder direkt aus Nicht-Wissen über die Namensgleichheit, spielt dann eine geringere Rolle. Ergebnis ist auf jeden Fall Fehlen und somit unvollständige und unbefriedigende Informationen über den angeblich vorgestellten Gegenstand.



4) Ende

Dumm ist es einfach nur, wenn der ungarische Ministerpräsident Orbán als Präsident bezeichnet wird. Ein irrelevanter Fehler, könnte man meinen, der aber im Wissen über den Gegenstand nicht passieren kann; umgekehrt hingegen auf Nicht-Wissen zeigt.

Sicherlich in guter und kritischer Absicht mag die Sendung Informationen über einen unbekannteren und weniger beachteten Ort geben, dass dieser vorgestellt wird. Das Ergebnis ist allerdings nicht nur in den gegebenen Informationen, sondern auch in der angewendeten Methode zweifelhaft. Beides kann jeweils auf das Motiv des Nicht-Wissens zurückgeführt werden.

Über einen abgelegenen Ort wird in den meisten Fällen Nicht-Wissen bestehen, was es nicht unmöglich macht diesen vorzustellen – im Gegenteil, als Suche nach Informationen die Vorstellung sogar interessanter und nachvollziehbarer machen kann. Das Nicht-Wissen darf aber nicht so weit gehen, dass eingeholte Informationen nicht geordnet, bewertet, überprüft, verändert und in einen Kontext gestellt werden können. Kommt es dazu, sind die Informationen einzig von den Auskunftspersonen abhängig, wodurch erstens die einzelnen Inhalte über die Orte nicht zutreffend sein werden; zweitens kaum eine Auswahl an Orten getroffen werden kann, mit denen die Region entsprechend vorgestellt werden kann; noch drittens Kritik an der bestehenden und geschilderten Situation formuliert werden kann. Die Ö1-Sendung über die Tisza scheitert im Nicht-Wissen daran, was zum Ergebnis hat, dass ein Bild über den Gegenstand in ideologischer Ausrichtung, Oberflächlichkeit oder auch vollständigem Fehlen gezeichnet wird.

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