Das Textservice des Extrablatt-Verlags

 

Das Textservice des Extrablatt-Verlags



Der Extrablatt-Verlag bietet ab Jänner 2026 im Abonnement Abschriften von ausgewählten Textstellen literarischer Werke an. Nicht nur gute und wichtige und vielleicht weniger beachtete Texte werden durch das Service präsentiert, sondern diese auch in einer speziellen Form dargeboten. Es handelt sich nicht um schlichte Abschriften, die einen Text neutral auf glattem Untergrund wiedergeben, sondern auf besonderes Papier (Nummer 1: Verpackungsmaterial) ist der Texte mit Schreibmaschine geschrieben. Damit wird die Darstellungsform selbst thematisiert, die eine eigene Ausdrucksmöglichkeit bekommt.

Das Textservice hat zweierlei Ebenen: 1) der wiedergegebene Text; 2) die Darstellung.


1) Der Text:

Bei Nummer 1 des Textservice handelt es sich um Rauch über Sanct Florian von Martina Wied, ein Roman, den die österreichische Autorin in den späten 30er Jahren veröffentlichte und der auch diese Zeit anhand der österreichischen Provinz behandelt (die Ereignisse einer Woche in einem Dorf werden behandelt). Der Roman wurde in den 50er Jahren erneut aufgelegt, was Ausdruck davon ist, dass die Autorin in der unmittelbareren Nachkriegszeit über eine gewisse Bekanntheit verfügte. Inzwischen wurden andere Texte Wieds neu gedruckt, aber Rauch über Sanct Florian blieb in der inzwischen eingetretenen Unbeachtetheit und ist heute über den Buchhandel nicht verfügbar.

Das Textservice zeigt auf einen Text, den es sich lohnen würde zu lesen – und zwar vollständig, nicht nur in der Auswahl und Abschrift des Extrablatt-Verlags. Neben dem allgemeinen Hinweis auf den Text, zeigt das Textservice auf eine besondere Stelle des Texts. Ausgewählt ist ein Abschnitt, der die Predigt zu Maria Himmelfahrt des Kaplans zum Ausgangspunkt hat. In der Predigt drückt er eine stereotype Position des politischen Katholizismus aus, die das scheinbar echte und noch gute Leben am Land lobt und gegen das scheinbar verdorbene Leben der Stadt setzt und verteidigt. So als ob die paradigmatische Formulierung dieser politischen Position nicht Bedeutung genug hätte (als Dokumentation der politischen Konflikte der Zeit), sondern die Stelle ist zusätzlich beachtenswert erzählt. Die Predigt ist von verschiedenen Kommentaren der Kirchenbesucher unterbrochen, unmittelbar wechselt die Perspektive zwischen verschiedenen Figuren und so Bezugspunkten. Es drückt sich nicht nur eine spezielle Erzählweise aus, sondern auch inhaltlich entsteht dadurch eine Hinzufügung: Wie die scheinbar klare und unbezweifelbare Position verschieden verstanden und missverstanden wird, wie darauf reagiert wird. Die Erzählweise und die Gedanken der Kirchbesucher machen klar, dass die Botschaft und Gesellschaftsvorstellung der Kirche nicht mehr funktioniert, nicht mehr der Realität entspricht. Liest man weiter im Roman, findet sich dieses Zerfallen in allen weiteren Aussagen, wie auch in der Konstruktion des Textes. Der Roman wird zur speziellen Aussage der speziellen Situation einer Zeit, der späten Zwischenkriegszeit in Österreich mit ihren Konflikten. [Vgl. zum Roman den fernen Vergleich mit dem Film One Battle After Another in Schmettering (2.2026): https://schmettering.blogspot.com/2026/02/ein-ferner-vergleich-zwischen-film-und.html]

Auch für die folgenden Nummern des Textservice sollen nach dem gleichen Prinzip Ausschnitte ausgewählt werden: bedeutende Stellen aus bedeutenden Texten. Da diese Auswahlmethode eine unüberschaubare Menge einschließt, muss die Auswahl anderen Gründen folgen: Sie folgt schlicht dem privaten Lesen. In der Hoffnung, dass meine Lektüre- und Stellenauswahl den allgemein formulierten Kriterien entspricht, wird das Textservice zur Dokumentation des privaten Lesens und zur Methode von diesem. Denn das Lesen bleibt nicht nur privates Vergnügen (oder wie man es auch immer formulieren mag), sondern mit dem Textservice soll auch ganz handgreiflich etwas aus dem Lesen mitgenommen werden. Es führt zu einem Produkt, was eine andere Aufmerksamkeit und Auswahl schon während dem Lesen erfordert. Das Textservice hat somit eine private Funktion, um das eigene Lesen zu verändern.

Für Nummer 2 des Textservice kann ein Ausschnitt aus einem Roman aus und über die gleiche Zeit angekündigt werden. Denn auf das Lesen von Wieds Roman folgte die Lektüre von Jakob Wassermanns Joseph Kerkhovens dritte Existenz, eines Texts, der sich ebenfalls mit der besonderen Situation der 30er Jahre beschäftigt. Aus dem Roman über den Arzt Joseph Kerkhoven soll ein Ausschnitt über die Behandlung des Journalisten Martin Mordann ausgewählt werden. Er ist wie alle Figuren des Romans an der Gesellschaft krank, entsprechend kann seine Behandlung nicht funktionieren, das Zerfallen und die Disfunktionalität der Gesellschaft kommt zum Ausdruck.


2) Die Darstellung:

Die spezielle Darstellung der Abschriften des Textservice liegt erstens im unebenen Untergrund, zweitens darin, dass dieser mit einer Schreibmaschine beschrieben ist. Beides sind (inzwischen) ungewöhnliche Mittel, die somit ganz allgemein für eine größere Aufmerksamkeit für das Material sorgen: Denn auch ein Text steht auf einem Untergrund; Papier und Schrift werden benötigt, dass der Text sein kann. Grundsätzlich verschwinden diese Voraussetzungen, werden sie besonders, werden sie nicht nur sichtbar, sondern auch selbst zu Ausdrucksmöglichkeit. Sie verfügen nicht nur über die Kraft als Medium den Ausdruck des Textes zu transportieren.

In der Sichtbarmachung handelt es sich um eine allgemeine Aussage, also um eine, die unabhängig vom jeweiligen Text ist – nicht über die spezielle Situation und Aussage des Texts wird eine Hinzufügung gemacht. Damit ist sie beschränkt und wird spätestens in der Wiederholung langweilig und eher bedeutungslos. So muss versucht werden, dass in der Gestaltung von Hintergrund und Schrift die spezielle Ebene des Ausdrucks erreicht wird. Die weitere Ausdrucksmöglichkeit genutzt wird, um etwa zur Interpretation und somit Aussage des Texts hinzuzutreten, also eine besondere Verbindung zwischen Darstellung und Text besteht.

Im Fall von Nummer 1 und dem Roman von Wied kann die spezielle Aussage im Allgemeinen behautet werden. Die Textstelle ist auf Blätter aus Verpackungsmaterial geschrieben, die ausgewählt wurden, um den Hintergrund sichtbar zu machen und ihn zu thematisieren. Aber die Wahl des Verpackungsmaterials ist nicht nur Wahl eines auffälligen Untergrunds, sondern auch eine eines zerknitterten, zerrissenen und ungleichen Papiers. Man kann sagen, dass die zerklüftete Welt des Textes, und besonders der Textstelle in seinem unmittelbaren Perspektivenwechsel, sich im Untergrund des Textes wiederfindet – das Papier eine spezielle interpretatorische Hinzufügung zur direkten Aussage des Textes trifft.


Als Abonnement zielt das Textservice nicht auf die Verbreitung seiner Textstellen in einem ‚originalen‘ Exemplar, sondern auf eine Verfügbarkeit in größerer Zahl. Das Exemplar, das mit der Schreibmaschine auf Verpackungsmaterial geschrieben wurde, muss also vervielfältigt werden. Auf die analoge Produktion, beinahe anachronistische mittels Schreibmaschine, folgt eine Reproduktion mittels digitaler Hilfsmittel. Die Blätter werden gescannt, dann erneut ausgedruckt. Das Original auf Papier nimmt den Umweg über Scanner und Computer, um wieder auf Papier zu landen. Auf diesem Weg verändert sich das Material, zuerst zur elektronischen Materiallosigkeit von Copy-Paste und Bildschirmlicht, dann auf den neutralen Untergrund herkömmlichen Kopierpapiers. In beiden Zuständen der Reproduktion ist die Materialeigenschaft des Ausgangspunkts zu Bild geworden, der Hintergrund verschwindet erneut und wird zum neutralen Medium.

Als Abgebildetes ist das spezielle Material und seine Beschriftung allerdings weiter vorhanden und zwar durchaus in charakteristischen Eigenschaften. Sichtbar sind die Hebungen und Senkungen, Risse und Löcher und wie mit diesen die Schrift in Kontakt tritt, sich schwer tut erkennbar zu sein. Auf der neuen glatten und einheitlichen Oberfläche finden diese Eigenschaften einen anderen Ausdruck, der mit der speziellen Vervielfältigungsweise zusammenhängt: Ein Scanner drückt solche Objekte unscharf aus, die auch nur knapp nicht auf der Scannplatte aufliegen. Die Ungleichheit des Materials wird zu Unschärfe im Bild. Der Fehler im Material wird zum Fehler der digitalen fotografischen Abbildung, und somit zu einem anderen Fehler, der aber unmittelbar mit dem anderen Material zusammenhängt.

Zur bildlichen Anwesenheit des Materials tritt diese in der Reproduktion auch darin auf, dass die Abschrift erneut ausgedruckt wird, sie erneut auf Material verarbeitet wird. Kopierpapier ist in seiner Uniformität unterschiedlich, Drucker in ihrer Standardisierung, genauso wie Zuschneiden und Verbinden der Papiere für Abweichung sorgt. Hat man es mit Material zu tun, kommt es zu Abweichung und Ungleichheit, die auffällt und somit den Reproduktionsprozess thematisiert und den neutralen Charakter eines Mediums als scheinbar entlarvt – die Möglichkeit darstellt es als Ausdrucksebene zu verwenden.


Aufgabe für die weiteren Nummern des Textservice ist aber nicht nur die allgemeine Funktion der Sichtbarkeit von Medium und Material, Hintergrund und Buchstaben, zu erreichen, sondern diese Ebenen zu speziellem Ausdruck zu verwenden; dass der Untergrund des Texts in einer entsprechenden und hinzufügenden Verbindung mit dem Text steht, zu seiner Interpretation beiträgt. Nicht soll eine Methode erneut und erneut angewendet werden (Schreibmaschine auf Verpackungsmaterial), die sich als scheinbar gut und aussagekräftig herausgestellt hat – die aber ‚nur‘ den allgemeinen Charakter der Thematisierung von Material trifft.

Das Programm der Darstellungsweise des Textservices zusammengefasst: kein Verschwinden in neutralem Medium, keine nur abstrakte und allgemeine Aussage des Konzeptkunstwerkes, sondern in Gleichzeitigkeit soll künstlerische Expressivität erreicht werden.


Abonniere das Textservice des Extrablatt-Verlages, oder sehe die erste Nummer auf www.kochverein.at an, um die weitere Entwicklung dieser Aufgabenstellung zu verfolgen.

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